Wer war Erwin Sylvanus? Was sagt er selbst?

Wir suchten Menschen im Umfeld von Erwin Sylvanus, die ihm vom Holocaust hätten berichten können. Eine Quelle im Zentralarchiv zur Geschichte der Juden in Deutschland schien eine Spur zu sein. Der Auschwitz-Überlebende, der deutsch-polnische Historiker Joseph Wulf hatte mit Sylvanus korrespondiert. Sollte der „Pionier der Holocaustforschung in der Bundesrepublik“, der eines der ersten Bücher über das Warschauer Ghetto verfasst hatte, bei „Korczak und die Kinder“ geholfen haben? Nach einer Überprüfung unseres Anliegens durch die Erben haben wir Einsicht in die Briefe. Den Menschen, der beim Theaterstück beriet, fanden wir in Joseph Wulf nicht. Aber einen engagierten Journalisten, der ausführliche biographische Informationen erbat und auch erhielt. So haben wir ein interessantes Selbstzeugnis von Erwin Sylvanus, an dem aber Zweifel angebracht sind.

Am 19.10.1958 schreibt Joseph Wulf als Korrespondent der israelischen Tageszeitung „DAVAR“  an Erwin Sylvanus. Seine Bücher zum Dritten Reich werde Sylvanus vermutlich kennen, heißt es. Seine letzte Studie „Vom Leben, Kampf und Tod im Ghetto Warschau“ lasse er ihm zukommen. Im Mittelpunkt aber stehen Fragen an den Schriftsteller, die sich um sein Verhältnis zum Nationalsozialismus drehen und die Sylvanus ausführlich beantwortet. Eine Frage und ihre Antwort dokumentieren wir hier:

Joseph Wulf: Wie und mit welchen Gefühlen haben Sie das Dritte Reich hinter sich gebracht?

Erwin Sylvanus: „1933 gehörte ich einer evangelischen Jugendorganisation an, welche 1934 in die Hitlerjugend überführt wurde (gleichgeschaltet, wie man damals sagte). Zunächst beteiligte ich mich gern an all dem, was man uns Jungen bot, erwarb auch 1936 als Hitlerjunge und Primaner das SA-Sportabzeichen und meldete mich freiwillig zum Arbeits- und Wehrdienst. Nach der Entlassung mit einer schweren Dienstbeschädigung erste schriftstellerische Versuche im Schatten derer, die man uns damals als Dichter pries. Beeinflusst vor allem von Knut Hamsun.  Während meiner Lazarettzeit habe ich Hellmuth Fischbach als Freund gewonnen, der mich zuerst mit verbotener und unerwünschter Literatur bekannt gemacht, vor allem mit Thomas Mann. … Weiteren schriftstellerischen Versuchen von mir wurde die Druckgenehmigung verweigert, etwa mit der Begründung, eine Erzählung von mir sei „die Verzerrung des gesunden und kraftvollen Bauerntums, wie wir es gerade nicht wünschen.“ Hinzu kamen begeisternde Begegnungen mit „entarteter Kunst“. So kam der ab Anstoß zur Abkehr von den falschen Idealen eigentlich von der Kunst und Literatur her. Dann folgte das Erschrecken über den Ton von Presse und Rundfunk .…“

Erwin Sylvanus stellt sich als jemand dar, der bereits vor 1945 auf Distanz zum NS-Regime ging. An dieser Darstellung sind Zweifel angebracht. Oder anders formuliert: Es kann sich allenfalls um eine innere Distanz gehandelt haben, die kein Außenstehender bemerkte. In seinem Tun war Erwin Sylvanus ein Verfechter der NS-Ideologie. Als Journalist stellte er sich in den Dienst der Machthaber. Er schrieb insbesondere über zeitgenössische Künstler in Soest und ordnete die Kunst ganz den Interessen des nationalsozialistischen Staates, des „deutschen Volkstums“ und der Kriegsverherrlichung unter. Er kämpfte verbissen um die Veröffentlichung seiner eigenen Werke. Bei zwei von ihnen gelang es ihm. 1941 trat er in die NSDAP ein. Distanz zum NS-Regime ist nicht erkennbar.

Christoph Meckels Blick

Wer war Erwin Sylvanus? Das fragte 1997 der Schriftsteller Christoph Meckel in einem Essay über den Dramatiker. Meckel beantwortete die Frage als Freund des 1985 Verstorbenen. Er erinnert an ihn und hat vor allem die Jahre vor seinem Tod im Blick. Er zeigt die Zeitgebundenheit seines schriftstellerischen Schaffens. Und gleichzeitig weist er auf die Zeitungebundenheit des „linken Candide“.
Es sind nur zweieinhalb Seiten in der neueren deutschen literatur 5/1997. Aber der Text ist Poesie. Christoph Meckel entwirft ein Bild von Erwin Sylvanus, der das Handeln zu seiner Devise gemacht habe. Sei es in der Freundschaft – sei es im Politischen. Erwin Sylvanus fuhr regelmäßig nach Prag, schmuggelte Literatur und Papiere, unterstützte den Widerstand. Er fuhr nach Chile in den Zeiten der Junta. Es muss in den 80er Jahren gewesen sein. Er fuhr als Tourist. Aber das war nur Tarnung. Bei einer Verfolgung hatte er einen schweren Autounfall. Er kam als kranker Mann zurück nach Deutschland und starb wenig später.
Christoph Meckel nennt Sylvanus einen „linken Candide“. Der Candide des Philosophen Voltaire stammt wie Erwin Sylvanus aus Westfalen. Er kommt viel in der Welt herum. Immer wieder passieren ihm schreckliche Dinge, Gewalt und Katastrophen auf allen Erdteilen. Er muss erkennen, dass der Mensch schlecht ist. Widerstand des einzelnen gegen die Macht – das sei auch das Motiv von Erwin Sylvanus gewesen, schreibt Meckel.
Der Zweite Weltkrieg habe ihn zum Moralisten gemacht: „Eine Zeit lang war das explosiv, notwendig in Lebensgefühl und Literatur. In den achtziger Jahren ging die Zeit vorbei. Die Literatur ist keine moralische Anstalt (der Moralist zeigt immer dieselbe Schwäche, er predigt zu viel, ermüdet die Leute, und wird, weil er recht hat, von Beifall erstickt). Die Literatur ist ein offener Basar, und immer etwas ganz anderes als behauptet, sie sprengt aus eigener Kraft jedes Etikett. Sylvanus gehört nicht in die Zeit, und das Menschenmögliche hat keine Saison, im Jahr zweitausend ein ehrenwertes Relikt – aber ich teile diese Ansicht nicht. Wer ist Sylvanus?“

Wer war Erwin Sylvanus?

Wer war Erwin Sylvanus? „In einem Menschen stecken viele Möglichkeiten,“ so betitelt Dorothea Potthoff ihren Text über Erwin Sylvanus (in: Vergänglich und unsterblich zwischen Rhein und Weser, 1998). Die Autorin hat mit Menschen sprechen können, die Sylvanus persönlich kannten. Entstanden ist eine dichte Beschreibung, die auch die NS-Zeit nicht auslässt.
1933 war Erwin Sylvanus – am 3. Oktober 1917 geboren – im 15. Lebensjahr. „Als das Dritte Reich kam,“ so schreibt er 1958 im Göttinger Programmheft zur Aufführung „Korczak und die Kinder“, „machte ich als Hitler-Junge zunächst mit – Fahrten, Zeltlager, Heimabende. Frühe schriftstellerische Versuche waren beeinflusst von den Schreibenden, die man uns damals als Dichter pries.“
Der junge Sylvanus ist produktiv, schreibt viel. Es erscheinen aber nur zwei Romane (Der ewige Krieg und Der Paradiesfahrer) während der NS-Zeit. Ihre literarische Qualität ist mäßig. Seine Arbeiten sind völkisch-national, verherrlichen „Blut und Boden“, das Bauerntum und den Krieg. Seine journalistischen Arbeiten stellt er in den Dienst der NSDAP. Schon in der Hitler-Jugend arbeitet er als „Pressewart“. 1941 tritt er der NSDAP bei, wie Hans Jürgen Hoeck 2013 entdeckt hat (Der Kunstring Soest 1935 -1961 eine nationalsozialistische Gründung und was daraus wurde).
Wer also war Erwin Sylvanus? Ein Geläuterter oder ein Schriftsteller, der sich neuen Verhältnissen anpasste? Dorothea Potthoff zitiert hier Tilly Wedekind. Die soll über die NS-Sympathien von Gottfried Benn gesagt haben: „In einem Menschen stecken viele Möglichkeiten.“ Nicht sehr beruhigend. Da lesen wir lieber, dass das „Werbe- und Beratungsamt für das deutsche Schrifttum beim Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda“ 1943 die Drucklegung einer Schrift von Sylvanus verhindert. Der Grund: Bei seiner Erzählung handele es sich um ein „verzerrtes Abbild gesunden kraftvollen Bauerntums“. Es scheint, als wäre Sylvanus den Nationalsozialisten nicht nationalsozialistisch genug.

Friedrich Kröhnkes Blick

Wer war Erwin Sylvanus? Eine weitere Antwort auf die Frage gibt der Schriftsteller Friedrich Kröhnke. In der Novelle „Die Weise von Liebe und Tod“* portraitiert er den alternden, erblindenden Sylvanus als Erich Fabrizius. Der sucht einen jungen Sekretär und Reisebegleiter. Der junge Schriftsteller Conny Kleymann alias Friedrich Kröhnke möchte den Job. Er „hat vom brotlosen Leben genug, von den unregelmäßigen Honoraren, vom Zähneputzen über der Spüle.“ Können da zwei zueinanderkommen, um einander Hilfe zu sein?
Um es kurz zu machen: Die beiden kommen nicht zueinander. Nach zwei Nächten im verwahrlosten Haus des alten Sylvanus, nach zwei gemeinsam verbrachten Tagen fährt Conny Kleymann wieder, und er weiß, dass Sylvanus ihn nicht anrufen wird, dass sein Traum eines finanziell unbeschwerten Lebens an der Seite des alten Mannes nicht Wirklichkeit werden wird. Dabei haben sie einige Gemeinsamkeiten: die Schriftstellerei, das Schwärmen für August von Platen und Rimbaud, ihre Homosexualität – von dem Jungen ausgelebt, von dem Alten nur „rezitiert“, weil das Bündische es anders nicht erlaubte – der Alkohol, die Drogen, die Ablehnung des Bürgerlichen.
Warum gelingt das Zusammenkommen nicht? Es sind Verachtung und Ekel. Kleymann verachtet Fabrizius. Er verachtet den alten Mann für sein Alter, seine Vergesslichkeit, seine immergleichen Monologe über Aids und Augenkrankheit, für den Dreck in seinem Haus. Auch für seine Karriere als Schriftsteller: „Korczak und die Kinder“ – ein pathetisches Stück, schnell hingeschrieben, schlecht recherchiert. Er findet nichts, was er an Fabrizius schätzt. „Was Kleymann nicht merkte: dass der Ekel wechselseitig war.“