Interview mit Friedrich Kröhnke

In der Novelle „Die Weise von Liebe und Tod“ portraitierte der Schriftsteller Friedrich Kröhnke den alternden, erblindenden Sylvanus. Wir haben uns hier schon mit der Erzählung beschäftigt.

Der Berliner Autor hat nun drei Fragen für uns beantwortet.

Herr Kröhnke, in Ihrer Erzählung „Die Weise von Liebe und Tod“ zeichnen Sie das Bild eines alten, erblindenden Schriftstellers, der einsam nur noch immergleiche Monologe halten kann. Er wohnt in einem klammen, feuchten Hause. Er hat Geld, aber er weiß nicht, damit gut zu leben. Er braucht Hilfe, aber er kann sie nicht annehmen. Es ist Erwin Sylvanus. Wie viel Wirklichkeit steckt in Ihrer Erzählung?

Friedrich Kröhnke: Ich habe ihn erlebt, ich habe das erlebt. Wenn meine Erzählung auch gestaltet ist, kunstvoll, wie Literatur sein soll – und ich mag den Text von 1988 heute noch sehr, und andere schätzen ihn, und sogar ein Stipendium des Landes NRW habe ich als junger Autor damals für ihn bekommen – so trifft doch zugleich zu, dass jedes Detail und jede einzelne Äußerung und Schrulle des „Fabrizius“ in meiner Geschichte ganz genau so von Sylvanus, als ich bei ihm war, getan und gesagt worden ist. Übrigens konnte ich ihm auch Respekt nicht versagen! Alt, wie er war, war er auch Bürgerschreck, ein Radikaler.

Frage: Sie sind dem alten Sylvanus also wirklich begegnet. Warum konnten Sie nicht bei ihm bleiben?

Friedrich Kröhnke: Erwin Sylvanus suchte eine Art Sekretär und Reisebegleiter – die Kunde gelangte über die Dichterin Dagmar Nick zu mir. Anscheinend sollte der Sekretär und Reisebegleiter zugleich ein (wenn auch vielleicht eher „platonisch“) ein strahlender junger Geliebter sein: dafür war ich damals eine Fehlbesetzung.

Man muss auch sehen, dass wir einander, auch wenn jene Tage und Nächte bei ihm so starke Eindrücke boten, nur ein einziges Mal begegnet sind. Er rief zwar noch zweimal an, erreichte aber nur meine Freundin Sylvia. Von seinem Tod wenig später erfuhr ich aus dem Radio. Beerbt hat ihn der Schriftsteller Friedel Thiekötter.

Frage: „Die Weise von Liebe und Tod“ – warum haben Sie der Erzählung einen Titel gegeben, der an die berühmte Novelle von Rainer Maria Rilke erinnert?
Friedrich Kröhnke: Sylvanus oder ich benutzten den Ausdruck (gewiss: Rilke zitierend) im Gespräch über seine Idee, noch ein Stück zu schreiben, ein Stück über AIDS. Im Rückblick fand ich in diesen Wörtern „Weise von Liebe und Tod“ viel vom Wesen unserer vergeblichen Begegnung.

„Eine neue Weise von Liebe und Tod“ hatten wir damals gesagt. Und für die Neuausgabe der Novelle habe ich Bernhard Albers vom Rimbaud Verlag den leicht veränderten Titel vorgeschlagen: „Neue Weise von Liebe und Tod“. Er wollte aber nichts davon wissen, da mein Text ja in seiner früheren Ausgabe (in dem Erzählungenband „Knabenkönig mit halber Stelle“) schon seit 1988 in der Welt war.

Fundstück: Carola Stern, In den Netzen der Erinnerung. Lebensgeschichte zweier Menschen (1986)

In den Netzen der Erinnerung verfängt sich Carola Stern nicht. Denn für sie führt der Weg zum Ich über die Erinnerung.

Die 1925 Geborene veröffentlicht 1986 ihre Kindheitsgeschichte und die ihres Ehemannes Heinz Zöger. Die Kindheiten im Deutschland der 1930er und 1940er Jahre könnten kaum unterschiedlicher sein. Der junge Kommunist geht in den Widerstand gegen das NS-Regime. Die Ahlbecker Tochter einer alteingesessenen preußischen Familie erhofft sich vom NS-Staat neues Heldentum und träumt von der Gleichheit in der „Volksgemeinschaft“. Ihr Aufstieg in der Hitlerjungend scheint ihr zunächst recht zu geben. Carola Stern beschreibt die Kindheiten mit analytischem Blick, aber immer aus der Perspektive und mit den Bildern der beiden Heranwachsenden.

Was verbindet diese beiden Menschen? Was führt sie Jahrzehnte später zueinander und lässt sie bei einander bleiben? Aus Sicht der Autorin ist es die erlebte Verblendung durch Ideologie. Die große Enttäuschung des kommunistischen Widerständlers ist, dass sich für ihn auch das SED-Regime als Gewaltherrschaft entpuppt. Nach einer Haftstraße flieht er aus der DDR und versucht, im kapitalistischen Westdeutschland Fuß zu fassen.

„Nichts ist unerklärlicher als eine verschwundene Begeisterung“, so heißt es auf dem Klappentext. Unerklärlich für die Außenwelt und unerklärlich auch für die Person. Die Gefühle der Begeisterung können ins Gedächtnis gerufen werden. Die Ursache für die Begeisterung ist kaum rekonstruierbar. Für Carola Stern ist das Aussprechen der Vergangenheit ein Akt der Befreiung. Für sie „führt ein Weg zum Ich über die Erinnerung“. Ihr Mann schlägt diesen Weg nicht ein.

Ein Fazit des Buches findet sich ebenfalls auf dem Klappentext. Es ist ein Zitat des französischen Schriftstellers und Abenteurers André Malraux: „Die Menschen sind durch die Art ihres Erinnerns ebenso voneinander geschieden wie durch ihre Charakteranlagen. Die Tiefen sind verschieden tief, die Netze sind nicht gleich, und auch die Fänge sind es nicht.“

Welche Art des Erinnerns war für Erwin Sylvanus typisch?