Fundstücke aus dem Archiv. „Die Lautsprecher haben das führende Wort.“

1958 interviewte Joseph Wulf, der Pionier der Holocaustforschung in der Bundesrepublik, Erwin Sylvanus für die israelische Zeitung „DAVAR“. Wulf befragte den Autor von „Korczak und die Kinder“ nach seinen Gefühlen im Nationalsozialismus. Sein Freund Helmuth Fischbach habe ihn bereits vor 1945 mit verbotener Literatur, insbesondere mit Thomas Mann, bekannt gemacht, berichtete Sylvanus. Im Westfälischen Literaturarchiv in Münster haben wir nun ein Schreiben von Helmuth Fischbach gefunden, das eine kritische Haltung belegt. Auf verbotene Literatur aber verweist es nicht.

Der Brief datiert vom 7. Mai 1943. Fischbach war wegen einer wieder akuten Nierenerkrankung aus dem Wehrdienst entlassen worden. Nun arbeitete er als Dramaturg bei der Wien-Film in Wien. Das Unternehmen, das 1938 aus einem Zwangsverkauf entstanden war, wurde von der NS-Reichsfilmkammer kontrolliert. Es produzierte sämtliche Filme in Österreich und betrieb die meisten Kinos.

„9/10 der Zeit“; so beschreibt Fischbach seine Arbeit als Dramaturg, „geht mit dem Lesen, Prüfen und Beurteilen der Excremente geistig Minderbemittelter drauf. … Ich jedenfalls habe die Erfahrung gemacht, dass anstelle der Musen die Lautsprecher das führende Wort haben und jene allen Parolen zum Trotz zum Schweigen verurteilt sind. Wo sind unsere Dichter? … Wo nicht ihre Werke im Verborgenen reden würden, man müsste annehmen, dass unter uns Heutigen kaum noch jemand lebt, der etwas Entscheidendes und Wichtiges zu sagen hätte.“

Aus Sicht von Fischbach ist an die Stelle der Literatur die Propaganda getreten, obwohl die NS-Kulturpolitik anderes versprach. Als zum Schweigen Verurteilte nennt er vier heute weitgehend unbekannte Schriftsteller: den Lyriker Hans Carossa, den Romanautor Erwin Guido Kolbenheyer, den österreichischen Dichter Josef Weinheber und den preußische Pietist Ernst Wiechert.

Zur im NS verbotenen Literatur gehörte allerdings keiner der vier Autoren. Selbst die Bücher des nationalkonservativen Ernst Wiecherts, der der inneren Emigration zugeordnet, wurden viel gelesen. Carossa, Kolbenheyer und Weinheber waren offene Befürworter des Nationalsozialismus. Es ist natürlich nicht ausgeschlossen, dass Helmuth Fischbach auch Thomas Mann kannte. Leider wissen wir (noch) nicht mehr von ihm.

Die Wien-Film GmbH war eine große österreichische Filmproduktionsgesellschaft, die 1938 aus der Tobis-Sascha-Filmindustrie AG hervorging und bis 1985 bestand. Das Unternehmen befand sich bis 1945 im Besitz der der deutschen Reichsfilmkammer unterstehenden Cautio Treuhandgesellschaft und zeichnete …

Wer war Erwin Sylvanus? Was sagt er selbst?

Wir suchten Menschen im Umfeld von Erwin Sylvanus, die ihm vom Holocaust hätten berichten können. Eine Quelle im Zentralarchiv zur Geschichte der Juden in Deutschland schien eine Spur zu sein. Der Auschwitz-Überlebende, der deutsch-polnische Historiker Joseph Wulf hatte mit Sylvanus korrespondiert. Sollte der „Pionier der Holocaustforschung in der Bundesrepublik“, der eines der ersten Bücher über das Warschauer Ghetto verfasst hatte, bei „Korczak und die Kinder“ geholfen haben? Nach einer Überprüfung unseres Anliegens durch die Erben haben wir Einsicht in die Briefe. Den Menschen, der beim Theaterstück beriet, fanden wir in Joseph Wulf nicht. Aber einen engagierten Journalisten, der ausführliche biographische Informationen erbat und auch erhielt. So haben wir ein interessantes Selbstzeugnis von Erwin Sylvanus, an dem aber Zweifel angebracht sind.

Am 19.10.1958 schreibt Joseph Wulf als Korrespondent der israelischen Tageszeitung „DAVAR“  an Erwin Sylvanus. Seine Bücher zum Dritten Reich werde Sylvanus vermutlich kennen, heißt es. Seine letzte Studie „Vom Leben, Kampf und Tod im Ghetto Warschau“ lasse er ihm zukommen. Im Mittelpunkt aber stehen Fragen an den Schriftsteller, die sich um sein Verhältnis zum Nationalsozialismus drehen und die Sylvanus ausführlich beantwortet. Eine Frage und ihre Antwort dokumentieren wir hier:

Joseph Wulf: Wie und mit welchen Gefühlen haben Sie das Dritte Reich hinter sich gebracht?

Erwin Sylvanus: „1933 gehörte ich einer evangelischen Jugendorganisation an, welche 1934 in die Hitlerjugend überführt wurde (gleichgeschaltet, wie man damals sagte). Zunächst beteiligte ich mich gern an all dem, was man uns Jungen bot, erwarb auch 1936 als Hitlerjunge und Primaner das SA-Sportabzeichen und meldete mich freiwillig zum Arbeits- und Wehrdienst. Nach der Entlassung mit einer schweren Dienstbeschädigung erste schriftstellerische Versuche im Schatten derer, die man uns damals als Dichter pries. Beeinflusst vor allem von Knut Hamsun.  Während meiner Lazarettzeit habe ich Hellmuth Fischbach als Freund gewonnen, der mich zuerst mit verbotener und unerwünschter Literatur bekannt gemacht, vor allem mit Thomas Mann. … Weiteren schriftstellerischen Versuchen von mir wurde die Druckgenehmigung verweigert, etwa mit der Begründung, eine Erzählung von mir sei „die Verzerrung des gesunden und kraftvollen Bauerntums, wie wir es gerade nicht wünschen.“ Hinzu kamen begeisternde Begegnungen mit „entarteter Kunst“. So kam der ab Anstoß zur Abkehr von den falschen Idealen eigentlich von der Kunst und Literatur her. Dann folgte das Erschrecken über den Ton von Presse und Rundfunk .…“

Erwin Sylvanus stellt sich als jemand dar, der bereits vor 1945 auf Distanz zum NS-Regime ging. An dieser Darstellung sind Zweifel angebracht. Oder anders formuliert: Es kann sich allenfalls um eine innere Distanz gehandelt haben, die kein Außenstehender bemerkte. In seinem Tun war Erwin Sylvanus ein Verfechter der NS-Ideologie. Als Journalist stellte er sich in den Dienst der Machthaber. Er schrieb insbesondere über zeitgenössische Künstler in Soest und ordnete die Kunst ganz den Interessen des nationalsozialistischen Staates, des „deutschen Volkstums“ und der Kriegsverherrlichung unter. Er kämpfte verbissen um die Veröffentlichung seiner eigenen Werke. Bei zwei von ihnen gelang es ihm. 1941 trat er in die NSDAP ein. Distanz zum NS-Regime ist nicht erkennbar.

Joseph Wulf

„Ich habe hier 18 Bücher über das Dritte Reich veröffentlicht, und das alles hatte keine Wirkung. Du kannst Dich bei den Deutschen totdokumentieren, es kann in Bonn die demokratischste Regierung sein – und die Massenmörder gehen frei herum, haben ihr Häuschen und züchten Blumen.“ Dies schrieb Joseph Wulf 1974 zwei Monate vor seinem Selbstmord. Der mutige Historiker scheute sich nicht, die „Diener des Dritten Reiches“ bei ihrem Namen zu nenen. Hier findet ihr einen biographischen Text über ihn.

http://www.hagalil.com/2012/12/wulf/