Mit dem Theaterstück „Korczak und die Kinder“ beginnt die Korczak-Rezeption in Deutschland – und sie beginnt in Göttingen

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Als sich Erwin Sylvanus 1956 mit Janusz Korczak beschäftigte, war der polnisch-jüdische Arzt und Pädagoge in Deutschland unbekannt. Der Bericht über die letzten Tage von Janusz Korczak im Warschauer Ghetto, der 1956 in der deutschsprachigen Zeitschrift „Kulturprobleme des neuen Polen“ erschienen war, war seine einzige Quelle. Heute ist die Situation anders. Schulen werden nach Janus-Korczak benannt – so auch in Göttingen. Es gibt eine deutsche Janusz-Korczak Gesellschaft, die international vernetzt ist. Seine pädagogischer Ansatz hat Eingang in die Lehrerausbildung gefunden. Die „Sämtlichen Werke“ erschienen zwischen 1996 und 2005 in deutscher Übersetzung. Sie wurden von dem Gießener Professor Erich Dauzenroth (1931-2004) herausgegeben.

Begonnen hat die deutsche Korczak-Rezeption allerdings in Göttingen am Pädagogischen Seminar der Universität mit Elisabeth Heimpel (1902-1972). Die Wissenschaftlerin und engagierte Sozialpolitikerin ließ die Schriften Korczaks ins Deutsche übersetzen. 1967 erschien ein erster Band im Göttinger Verlag Vandenhoeck und Ruprecht. Ein weiterer sollte folgen. Noch heute sind beide lieferbar.

Anlass für die intensive Beschäftigung mit dem polnischen Pädagogen war, so berichtet Traudel Weber-Reich in „Des Kennenlernens werth“, das Theaterstück „Korczak und die Kinder“. Als Elisabeth Heimpel im Mai 1959 die Inszenierung im Deutschen Theater in Göttingen gesehen hatte, fasste sie den Entschluss, die Gedanken des engagierten Pädagogen Korczak einem deutschen Publikum zugänglich zu machen.

Das soll übrigens auch bei Erich Dauzenroth so gewesen sein. Am Beginn seiner lebenslangen Beschäftigung mit Janusz Korczak stand 1957 das Theaterstück „Korczak und die Kinder“ von Erwin Sylvanus.

Erwin Sylvanus und Heinz Hilpert

1961 erscheint das Quadrat-Buch „Heinz Hilpert. Das Theater ein Leben.“ Eine Hommage an den Intendanten des Deutschen Theaters in Göttingen. Zu Wort kommt er selbst. Und der Dank von einigen Menschen, die ihn begleiteten. Darunter auch Erwin Sylvanus. Hier der kurze Text:

„Wir sprachen über die Urmythen der Völker. Hilpert hat bekannt, wie sehr er in der Jugend von den Helden Homers beeindruckt gewesen sei. Er habe sich Odysseus zum Lieblingshelden erwählt. Mit Siegfried habe er hingegen kaum etwas anfangen können. Auch heute noch fühle er sich von Odysseus sehr viel stärker angezogen und fasziniert.
Bislang glaubte ich, Hilpert zu verehren wie einen Vater. Mir wurde blitzschnell klar, dass ich in ihm immer den großen Dulder und Wisser verehrt habe, den listenreichen Menschen einer unendlichen Heimfahrt, den Einsamen auch, der für seine Gefährten täglich neue Verzauberung und Wunder sieht und erfindet, der für sie Gefahren besteht – und niemand erreicht ihn je durch Tat oder Gedanken. Er blickt tiefer, versteht eher als sie alle. Ich muss an das Bild des von seinen Gefährten gefesselten Odysseus denken, wie er vom Gesang der Sirenen betört wird. Ohne Odysseus würden die Gefährten niemals heimkehren. Aber auch Odysseus könnte das wundersame Wagnis der Heimkehr ohne sie nicht bestehen.
Erwin Sylvanus“