Szenische Lesung „Korczak und die Kinder“ im Jungen Theater in Göttingen

Heute Nachmittag am 25.2.18, um 15 Uhr, fand im Jungen Theater Göttingen die Szenische Lesung des Bühnenstücks „Koczak und die Kinder“ von Erwin Sylvanus statt. Mehr als 80 Zuschauer (lk. Bild) kamen ins Theater am Wochenmarkt. Das hat uns sehr überrascht. Noch überraschender war die positive Aufnahme der szenischen Lesung durch das Publikum. Zu den aufmerksamsten Zuschauerinnen gehörte unsere Fotografin Svetlana Pogorelova. (re. Bild) Besondere Zustimmung fand die Aufführung des Ensembles K, das mit seiner szenischen Lesung den Geschmack des Publikums traf. Ensemble K: Sprecher, Rudolf Sparing, Dr. Korczak, Gerhard Winterhagen, Schwester Ruth, Ruth Schimanski, der deutsche Offizier, Christian Gerhard Donat. Eine ausführlichere Besprechung folgt in den Tagen.

An der Podiumsdiskussion nahmen teil. Prof. Ruth Florack. Germanistin. Für sie beginnt das Holocaust-Theater mit Peter Weiss. Norbert Baensch. Gründungsvorsitzender der Deutsch-Polnischen Gesellschaft, Chefdramaturg im Deutschen Theater Göttingen unter Hilpert und Fleckenstein. Durch die Aufführungen von „Korczak und die Kinder“ von Baensch in Göttingen verhalf er dem Stück von Sylvanus zu internationalem Ansehen. Rudolf Sparing, Leiter des Ensembles K. Dr. Ulrike Witt von der Initiative Erwin Sylvanus. Sie hob die Aktualität des Bühnenstücks „Korczak“ vor dem Hintergrund der rechts-populistischen Herausforderungen heute hervor. Tobias Sosinka, Geschäftsführer des Jungen Theaters Göttingen. Er kannte die historische Person Dr. Korczak als Kinderarzt und Pädagogen gut. Er war hervorragend vorbereitet auf die teils kontroverse Diskussion, die ihm offenbar richtig Lust gemacht hat, auf eine Fortführung des Themas Holocaust unter Beteiligung des Publikums.

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Mit dem Theaterstück „Korczak und die Kinder“ beginnt die Korczak-Rezeption in Deutschland – und sie beginnt in Göttingen

Ulrike Witt hat einen Link geteilt.

Als sich Erwin Sylvanus 1956 mit Janusz Korczak beschäftigte, war der polnisch-jüdische Arzt und Pädagoge in Deutschland unbekannt. Der Bericht über die letzten Tage von Janusz Korczak im Warschauer Ghetto, der 1956 in der deutschsprachigen Zeitschrift „Kulturprobleme des neuen Polen“ erschienen war, war seine einzige Quelle. Heute ist die Situation anders. Schulen werden nach Janus-Korczak benannt – so auch in Göttingen. Es gibt eine deutsche Janusz-Korczak Gesellschaft, die international vernetzt ist. Seine pädagogischer Ansatz hat Eingang in die Lehrerausbildung gefunden. Die „Sämtlichen Werke“ erschienen zwischen 1996 und 2005 in deutscher Übersetzung. Sie wurden von dem Gießener Professor Erich Dauzenroth (1931-2004) herausgegeben.

Begonnen hat die deutsche Korczak-Rezeption allerdings in Göttingen am Pädagogischen Seminar der Universität mit Elisabeth Heimpel (1902-1972). Die Wissenschaftlerin und engagierte Sozialpolitikerin ließ die Schriften Korczaks ins Deutsche übersetzen. 1967 erschien ein erster Band im Göttinger Verlag Vandenhoeck und Ruprecht. Ein weiterer sollte folgen. Noch heute sind beide lieferbar.

Anlass für die intensive Beschäftigung mit dem polnischen Pädagogen war, so berichtet Traudel Weber-Reich in „Des Kennenlernens werth“, das Theaterstück „Korczak und die Kinder“. Als Elisabeth Heimpel im Mai 1959 die Inszenierung im Deutschen Theater in Göttingen gesehen hatte, fasste sie den Entschluss, die Gedanken des engagierten Pädagogen Korczak einem deutschen Publikum zugänglich zu machen.

Das soll übrigens auch bei Erich Dauzenroth so gewesen sein. Am Beginn seiner lebenslangen Beschäftigung mit Janusz Korczak stand 1957 das Theaterstück „Korczak und die Kinder“ von Erwin Sylvanus.

Paul Forssbohm über die szensiche Lesung „Korczak und die Kinder“ in Göttingen

Die Beschäftigung mit Sylvanus und dem Theater des Holocaust hat eine breite öffentliche Zustimmung gefunden. Wir sind, und das ist eher etwas untertrieben, etwas aus dem Häuschen wegen der Medienresonanz und der öffentlichen Anteilnahme an unserer Beschäftigung mit „Korczak und die Kinder“ von Erwin Sylvanus auf dieser Facebook Seite. Auch das Göttinger Tageblatt hat sich ausführlich mit uns beschäftigt. An diesem Artikel kann man sehen, dass auch für die Presse das Thema Holocaust und Theater nur schwer zu fassen ist. Während der Podiumsdiskussion nach der szenischen Lesung am letzten Sonntagnachmittag hat sich eine Literaturwissenschaftlerin zu unserem Sylvanus geäußert. Und das obwohl sie vorher festgestellt hat, dass die Zeit über Sylvanus hinweggegangen sei. Er sei kein Thema mehr in der Germanistik. Hochinteressant fand ich auch die Reaktion der Theaterleute vom Ensemble K und des Jungen Theaters. Wie reagiert das Theater auf ein Stück, das in Göttingen 40 Jahre nicht mehr gespielt wurde. Wir haben durch unsere Beschäftigung mit Erwin Sylvanus Kontakte zur Deutsch-Polnischen Gesellschaft in Göttingen herstellen können. An einem Dialog mit dem Deutsch-Jüdischen Zentrum arbeiten wir noch. Auch Göttingen nimmt an unserer Beschäftigung mit Erwin Sylvanus und seinem Bühnenstück teil. Zur Theateraufführung kamen über 80 Göttinger Zuschauerinnen und Zuschauer. Besonders interessant waren in der anschließenden Diskussion die Beiträge von Frau Prof. Doris Lemmermöhle. Sie ist Pädagogikwissenschaftlerin. und kennt die pädagogischen Schriften von Janusz Korczak sehr gut. Die szenische Lesung hat sie sehr stark an die Schriften von Dr. Janusz Korczak erinnert. Auch der Beitrag von Frau Dr. Dodo Lewien war aus rezeptionsgeschichtlichen Gründen interessant. Sie hat die Aufführung des Deutschen Theaters Göttingen 1978 von Sylvanus´ „Korczak und die Kinder“ gesehen. Die Zuschauerin von damals hat den Dramaturgen von damals Norbert Baensch bei uns wieder getroffen. Die Veranstaltung war gelungen.

Interview mit Walter Gödden

Prof. Dr. Walter Gödden ist Spezialist für westfälische Literatur. Er führt die Geschäfte der Literaturkommission für Westfalen und leitet das Museum für Westfälische Literatur Haus Nottbeck. 2002 erschien sein Artikel „Hinweise auf Erwin Sylvanus‘ Korczak und die Kinder“. Im Interview mit unserer Initiative äußert er sich zu Erwin Sylvanus und seiner Bedeutung für die Literatur in Westfalen.

Frage: Herr Gödden, Sie haben sich bislang am intensivsten mit Erwin Sylvanus auseinandergesetzt. Wer war Erwin Sylvanus?

Walter Gödden: Ich möchte hier nicht die äußeren Lebensdaten Sylvanus‘ aufzählen – das finden Sie in lexikalischen Kompendien. Für mich zählte Sylvanus zu den interessantesten westfälischen Autoren der 1950er und 1960er Jahre. Schon deshalb, weil er sich immer wieder neu erfand. Ich meine damit auch sein anfängliches Grenzgängertum zwischen Journalismus und Literatur. Als Journalist hat er – hinter den Kulissen sozusagen – in seiner Zeit als Kulturredakteur bei der renommierten Zeitschrift Westfalenspiegel maßgeblichen Anteil an einer Reform der westfälischen Literatur ab Mitte der 1950er Jahre. Das betrifft nicht zuletzt die Jury des Droste-Hülshoff-Preises, bei der ein abstrakter Autor wie Ernst Meister plötzlich eine Chance bekam. Interessiert hat mich auch die Zusammenarbeit Sylvanus‘ mit dem Regisseur und Dramaturgen Hans Dieter Schwarze, die dann zum Korczak-Stück führte. Über die späteren Jahre bin ich weniger gut informiert. Da spielte Sylvanus für die hiesige Literatur keine größere Rolle mehr.

Frage: Können Sie erklären, wie und warum sich Sylvanus von der NS-Heimatdichtung abgewandt hat?

Walter Gödden: Nach 1945 gab es in der westfälischen Literatur keine „Stunde null“. Die alten Kräfte hatten die Literaturförderung bald wieder in der Hand. Dazu zählten auch NS-belastete Heimatdichter, die im Dritten Reich Blut- und Bodenromane geschrieben hatten. Sylvanus hat damals – auch aus moralischen, ethischen und politischen Gründen – erkannt, dass sich die Literatur neu orientieren musste. Es gab ja beispielsweise die Gruppe 47, es gab Böll und auf westfälischer Seite einen Paul Schallück. Das waren politisch und kulturell aufgeschlossene, demokratisch denkende Menschen, die einen offenen Kulturbegriff vertraten. In diesem Umfeld fand Sylvanus eine neue „geistige Heimat“, wenn ich das einmal so pathetisch ausdrücken darf. Und er konnte hier, wie erwähnt, selbst viel bewegen. Ohne ihn hätte es die literarische Moderne in Westfalen nach 1945 schwerer gehabt. Er war ein wichtiger und durchaus auch einflussreicher Fürsprecher.

Frage: Das Theaterstück „Korczak und die Kinder“ wurde nach seiner Uraufführung in Krefeld meistenteils kritisch rezensiert. Es wurde in Frage gestellt, ob die Ermordung der europäischen Juden überhaupt auf der Bühne behandelt werden dürfe. Warum hatte das Stück dennoch später so großen nationalen und internationalen Erfolg?

Walter Gödden: Die im Stück geschilderte Ermordung der Kinder lässt – über alles Politische hinweg – niemanden kalt. Es rührt unsere Emotionen an. Als ich das Hörspiel bei einer Veranstaltung vorgestellt habe und die entsprechenden Stellen aus Korczaks Tagebuch vorgelesen habe, konnte ich einfach nicht weiterlesen, so hat es mich ergriffen. Es ist wohl die Verbindung zwischen brutaler politischer Macht auf der einen und humanem Handeln auf der anderen Seite, die anrührt und zur Reflexion anregt. Ein Dokument des Pazifismus also, der stärker ist als alle politischen Systeme. Insofern konnte es auch überall auf der Welt gespielt werden.

Fundstück: Carola Stern, In den Netzen der Erinnerung. Lebensgeschichte zweier Menschen (1986)

In den Netzen der Erinnerung verfängt sich Carola Stern nicht. Denn für sie führt der Weg zum Ich über die Erinnerung.

Die 1925 Geborene veröffentlicht 1986 ihre Kindheitsgeschichte und die ihres Ehemannes Heinz Zöger. Die Kindheiten im Deutschland der 1930er und 1940er Jahre könnten kaum unterschiedlicher sein. Der junge Kommunist geht in den Widerstand gegen das NS-Regime. Die Ahlbecker Tochter einer alteingesessenen preußischen Familie erhofft sich vom NS-Staat neues Heldentum und träumt von der Gleichheit in der „Volksgemeinschaft“. Ihr Aufstieg in der Hitlerjungend scheint ihr zunächst recht zu geben. Carola Stern beschreibt die Kindheiten mit analytischem Blick, aber immer aus der Perspektive und mit den Bildern der beiden Heranwachsenden.

Was verbindet diese beiden Menschen? Was führt sie Jahrzehnte später zueinander und lässt sie bei einander bleiben? Aus Sicht der Autorin ist es die erlebte Verblendung durch Ideologie. Die große Enttäuschung des kommunistischen Widerständlers ist, dass sich für ihn auch das SED-Regime als Gewaltherrschaft entpuppt. Nach einer Haftstraße flieht er aus der DDR und versucht, im kapitalistischen Westdeutschland Fuß zu fassen.

„Nichts ist unerklärlicher als eine verschwundene Begeisterung“, so heißt es auf dem Klappentext. Unerklärlich für die Außenwelt und unerklärlich auch für die Person. Die Gefühle der Begeisterung können ins Gedächtnis gerufen werden. Die Ursache für die Begeisterung ist kaum rekonstruierbar. Für Carola Stern ist das Aussprechen der Vergangenheit ein Akt der Befreiung. Für sie „führt ein Weg zum Ich über die Erinnerung“. Ihr Mann schlägt diesen Weg nicht ein.

Ein Fazit des Buches findet sich ebenfalls auf dem Klappentext. Es ist ein Zitat des französischen Schriftstellers und Abenteurers André Malraux: „Die Menschen sind durch die Art ihres Erinnerns ebenso voneinander geschieden wie durch ihre Charakteranlagen. Die Tiefen sind verschieden tief, die Netze sind nicht gleich, und auch die Fänge sind es nicht.“

Welche Art des Erinnerns war für Erwin Sylvanus typisch?

Drei Fragen an Dorothea Mummendey

Wer war Erwin Sylvanus? „In einem Menschen stecken viele Möglichkeiten,“ so betitelte Dorothea Potthoff 1998 ihren Text über Erwin Sylvanus (in: Vergänglich und unsterblich zwischen Rhein und Weser, 1998). Wir haben am 29.09.2017 hier über ihre dichte Beschreibung berichtet. Jetzt haben wir die Autorin gefunden, die heute Dorothea Mummendey heißt. Sie war bereit, drei Fragen zu Erwin Sylvanus zu beantworten.

Für Ihren Aufsatz konnten Sie 1998 noch mit Menschen sprechen, die Erwin Sylvanus gut gekannt haben. Welchen Eindruck haben sie von ihm vermittelt?

Für mein Buch „Vergänglich und unsterblich zwischen Rhein und Weser“ bzw für den Artikel über Sylvanus habe ich 1998 den Nachbarn Arthur Dell und Sylvanus´ Erben Friedel Thiekötter getroffen. Die beiden erzählten mir von aufregenden Begebenheiten, wenn zum Beispiel im verschlafenen Völlinghausen in der Nachkriegszeit auf einmal große, schicke Autos auftauchten und viele deutsche Schriftsteller und Verleger dort in Sylvanus´ Haus ein und aus gingen. Sicherlich hat er dort das Leben bunter gemacht (nicht nur aufgrund seiner Homosexualität). Auf der anderen Seite erfuhr ich auch, daß der Autor ein recht egozentrischer, launischer, zeitweise verschwenderischer Mensch gewesen sein muß. Leicht war es sicherlich nicht mit ihm.

Im Nationalsozialismus war Erwin Sylvanus weder Täter, noch Opfer, hatte aber eine starke Nähe zur NS-Kulturpolitik. Wie würden Sie sein Verhältnis zum NS beschreiben? Wie kam es zu seiner „Kehrtwende“ in den 50er Jahren?

Erwin Sylvanus war als junger Mann bereit, seine schriftstellerische Tätigkeit in den Dienst der Nationalsozialisten zu stellen. Er wollte quasi um jeden Preis veröffentlichen. Heraus kam völkische Literatur, Blut-und-Boden-Dichtung. In einer Zeit, in der immer weniger Autoren/Journalisten vom NS-Regime akzeptiert wurden, war diese Art des Schreibens die einzige Möglichkeit in Deutschland zu publizieren. Er mußte literarisch angepaßt, opportun sein.
Von diesem Zwang sah er sich nach dem Krieg befreit.

Wo liegen aus Ihrer Sicht die Gründe für den Erfolg von „Korczak und die Kinder“?
Ich denke, daß „Korczak und die Kinder“ ein zeitloses Stück ist, es erinnert, es mahnt. Das Wichtigste ist aber, dass es auch die mögliche Größe eines Menschen zeigt. Größe inmitten der unendlichen Grausamkeit. Damit ist der Arzt Korczak mehr als ein Held (so wie im klassischen Drama). Es ist die von ihm verkörperte unzerstörbare Menschlichkeit, die berührt.

Neues Literaturkontor

Dorothea Mummendey hat das Lektrorat im Neuen Literaturkontor in Münster. Hier wurden unter anderem die Werke des 2011 verstorbenen Friedel Thiekötter verlegt. Er war mit Erwin Slvanus eng befreundet.

–  Literarische Reise-Feuilletons    (Paris, Berlin, Wien, Portugal, Rheinland, Westfalen und wieder Paris…)                                                                                                             –  Literarische Kriminalromane    (Das Böse, Wahre und Schöne…)
neues-literaturkontor.de

Schwierigkeiten mit dem Erinnern. Die Max-Planck-Gesellschaft tut sich heute noch schwer

Am letzten Dienstag (24.10.2017) fand die erste Vorlesung in der Reihe „Forschung im Zeitalter der Extreme“ statt. Die Aula am Wilhelmsplatz war voll. Dass das Thema der Ringvorlesung auf so großes Interesse stößt! Immerhin hat der Saal 400 Sitzplätze.

Der Historiker Professor Dirk Schumann stellte das Programm der Vorlesung vor. Wissenschaft und Politik gingen im Nationalsozialismus enge Verbindungen ein, die auch die außeruniversitäre Forschung in Akademien und den damaligen Kaiser-Wilhelm-Instituten (heute Max-Planck) prägte. Beide stellten – so hat es der bekannte Historiker Professor Mitchell Ash, der am 07.11. referieren wird, formuliert – „Ressourcen füreinander“ dar. Eine Mischung aus Opportunismus und echter Begeisterung konstatierte Schumann.

Begriffe
Wenn man beginnt, sich mit einem Thema zu befassen, ist die Sensibilität für Begriffe groß. Es ist die Angst vor Fehlern, denke ich. So war ich erschrocken als ich bei Wolfgang Sofsky las, dass der Begriff „Holocaust“, der sich nach der gleichnamigen populären Fernsehsendung rasch in Deutschland verbreitete, ein religiöser Begriff ist. Er bedeutet „vollkommenes Brandopfer“. „Durch die Entstellung des Sinns entsteht der Eindruck, als habe der Massenmord eine tiefere religiöse Bedeutung, als hätten sich die Opfer gewissermaßen selbst geopfert.“ (Sofsky, Ordnung des Terrors, S.15). Unterschiedliche Bezeichnungen haben unterschiedliche Bedeutungen. Sie geben Interpretationen und heben Verschiedenes hervor. Sie können auch den Blick auf Tatsachen ersparen (Sofsky).

Professor Schumann benutzte in seinem Vortrag sieben Mal den Begriff NS-Regime. Dreimal sprach er vom „Dritten Reich“, einmal vom „nationalsozialistischen Deutschland“. Offensichtlich sind es drei eingeführte Begriffe, die man problemlos benutzen kann. Mir scheint, dass der von Schumann präferierte Begriff etwas stärker auf die staatliche Sphäre abhebt. Unabhängig von der negativen Konnotation bedeutet Regime zunächst einmal Regierungsform.

Fakten
Das Hauptereignis des Abends war der Vortrag von Professorin Carola Sachse aus Wien. Die Historikerin leitete im Auftrag von Max-Planck ein groß angelegtes Forschungsprojekt zur Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus. Am Dienstag sprach sie über „Die Max-Planck-Gesellschaft, die Zwillingsforschung und Auschwitz: Fakten und Vorstellungen“. Im Vordergrund ihres Vortrags standen zunächst die Fakten. Und zwar die Zusammenarbeit des deutschen Lagerarztes von Auschwitz und SS-Offiziers, Josef Mengele, mit dem Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik (KWI Anthropologie) in Berlin-Dahlem.
Mengele nutzte die „ethisch entgrenzten Bedingungen des Konzentrationslagers“ für Menschenversuche, für lebensgefährliche Experimente insbesondere an Zwillingskindern, Juden und Sinti, die er von der Rampe in Auschwitz selektierte. Für die eugenischen Forschungen des KWI Anthropologie lieferte er Augäpfel von Ermordeten und präparierte Hirnschnitte der Toten. Die Fakten sind eindeutig. Die Wissenschaft und die Wissenschaftler profitierten von der Mordmaschine Auschwitz. Dabei war das KWI Anthropologie keine Ausnahme, sondern die Regel. Alle Kaiser-Wilhelm-Institute, so Sachse, waren an der nationalsozialistischen Kriegs- und Rüstungsforschung beteiligt.

Vorstellungen
Sind die Fakten auch eindeutig, die Vorstellungen sind es nicht. Die nationalsozialistische Vergangenheit ihrer Vorgängerinstitute macht der Max-Planck-Gesellschaft auch heute noch Probleme. 2001 waren es Opfer und Überlebende, die verhinderten, dass es bei der Erforschung der NS-Vergangenheit blieb. Die Nachfolgeorganisation sollte Verantwortung übernehmen.

In einem gemeinsamen Kolloquium forderte Eva Moszes Kor vom Verband „Children of Auschwitz Nazi Deadly Lab Experiments Survivors“ (C.A.N.D.L.E.S) eine Entschuldigung vom Präsidium der Max-Planck-Gesellschaft. Nur dann könne Vergebung gewährt werden.
Der damalige Präsident der Gesellschaft konnte diesen Weg nicht gehen. Er konzentrierte sich in seiner Rede – so Carola Sachse – weiterhin auf die Fakten. Seiner Auffassung nach könnten nämlich nur Täter um Verzeihung bitten. Und um Täter handele es sich bei der jetzigen Max-Planck-Gesellschaft nicht.

Erinnern, statt vergeben
Für einen anderen Weg des Umgangs mit der NS-Vergangenheit appelierte 2001 Jona Iaks aus Tel Aviv. Vergeben könne sie nicht und wolle sie nicht, denn Vergeben führe zum Vergessen. „Wir verlangen von Ihnen, dass Sie sich an das erinnern, was Sie „aufräumen“ und dann vielleicht vergessen wollen. Wir werden uns auf jeden Fall erinnern – werden Sie auf jeden Fall vergessen?“

Letzteres scheint der Fall zu sein. Carola Sachse beschloss ihren Vortrag mit dem Foto der Erinnerungstafel angebracht am ehemaligen KWI Anthropologie: Die Schrift ist kaum zu lesen, denn sie ist verwittert. So sieht die Erinnerungskultur von Max-Planck heute aus! Und deshalb stellt sich die Frage: Wäre die Wissenschaft heute gefeit?