Sylvanus über Wilhelm Wulff

Wie ich im letzten Beitrag gezeigt habe, begann Erwin Sylvanus (1917-1985) seine Karriere im NS mit Berichten über Kunst. Seine Artikel erschienen auch in der Westfälischen Landeszeitung Rote Erde, der offiziellen Parteizeitung der NSDAP im südlichen Westfalen. Im Mittelpunkt stand die „Junge Soester Kunst“. Sie sollte einen respektablen Platz in der nationalsozialistischen „Deutschen Kunst“ erhalten. Für dieses Ziel scheute der „Kunstberichter“ Sylvanus keine Umdeutung, wie sein Beitrag über den Soester Künstler Wilhelm Wulff (1891 – 1980) aus dem Jahr 1941 deutlich macht.

Vorbild Wilhelm Morgner
Anlass des Sylvanus-Artikels ist der 50. Geburtstag des Soester Bildhauers Wilhelm Wulff. Dieser habe „die ersten Anregungen zur freien künstlerischen Selbstentfaltung“ von Wilhelm Morgner erhalten. Die „Junge Soester Kunst“ beginnt für Erwin Sylvanus mit dem Soester Maler Morgner. Das ist erstaunlich. Denn der 1891 geborene und im Ersten Weltkrieg gefallene Maler hätte 1941 zur „Entarteten Kunst“ gezählt. Morgner war einer der wichtigsten Vertreter des Expressionismus in Westfalen, und der Expressionismus galt den Nazis als undeutsch und kulturbolschewistisch.

Kunst in der Kleinstadt
Wulff war mit dem jungen Journalisten Sylvanus schon seit Jahren bekannt und befreundet. Bereits in den 30er Jahren hatte er ein „Porträt des Hitlerjungen-Barden Erwin Sylvanus“ (Hartung, Ein wilder Hund) geschaffen. 1953 heißt es im Tagebuch von Sylvanus: „Heute Mittag genau um 13:00 Uhr ist Wilhelm mit der Porträtplastik von mir fertig geworden. Eine ordentliche Arbeit, wie ich glaube. Deswegen freue ich mich, dass es sie fortan gibt.“ Die Terrakotta-Plastik ist heute noch im Museum Wilhelm Morgner in Soest vorhanden. Sie zeigt den damals 36jährigen Sylvanus mit der markant hohen Stirn. Die Freundschaft hatte die NS-Zeit überdauert, was im Übrigen für den gesamten Kreis des NS-Kunstrings galt, der noch lange Jahre regelmäßig zur Doppelkopfrunde zusammenkam (Hartung, Ein wilder Hund). In der Kleinstadt Soest blieb man beieinander.

Kunstbericht
Für Sylvanus ist es besonders die „Portraitkunst“ von Wulff und seine Darstellungen der Industriearbeiter, die ihn hervorheben. „Markante Persönlichkeiten des heimatlichen Raums“ habe er portraitiert. Nach dem Ersten Weltkrieg – also nach dem Tod von Wilhelm Morgner – habe sich das Werk von Wulf zu der „Größer und sicheren Ausgeglichenheit entwickelt, in der es heute dasteht. „Von den mannigfachen Kunstströmungen der Nachkriegszeit, von ihren verschiedenen Ismen blieb er unberührt,“ behauptet Sylvanus.

Ismen
Das Gegenteil war der Fall. Wie Stefanie Reboni zeigt, gab es tatsächlich fast keinen „Ismus“, den Wulff nicht ausprobierte (Stefanie Riboni, Wilhelm Wulff – ein Bildhauer aus Soest, 2010). Wulff entwickelte seinen Stil in direkter Auseinandersetzung mit den avantgardistischen Strömungen der 20er Jahre, mit dem Expressionismus, dem Kubismus und dem Konstruktivismus. In schneller und intensiver Rezeption und ständigem Wechsel übertrug der deren Formsprachen auf sein bevorzugtes Material Holz. Seine Arbeiten erinnern an die Werke von Picasso, des US-Amerikaners Archipenko und Schlemmer.

Naturalismus
Der naturalistischen Bildhauerei wendet sich Wilhelm Wulff erst Ende der 20er Jahre nach einem Aufenthalt in Paris zu. Dieser Wechsel war auch auf die Erfahrung zurückzuführen, dass sich mit realitätsnahen Portraits und Büsten eher Geld verdienen und eine Familie ernähren ließ als mit der avantgardistischen Kunst der Moderne. Das galt zumindest für die deutsche Provinz. Im NS-Staat gab es dann keine Alternative mehr zum vormodernen Naturalismus. Als Wulff nach 1945 versuchte, wieder an seine frühen Arbeiten anzuschließen, gelang ihm das nicht mehr.

Wirtschaftlicher Erfolg
Durchgängig von 1934 bis 1944 war Wilhelm Wulff im Soester Kunstring für die Zensur von Bildern mit verantwortlich (Hoeck, Kunstring, S.7). Das Engagement lohnte sich. Von 1933 bis 1944 war Wulff jedes Jahr an mindestens drei Ausstellungen beteiligt (Hoeck, Kunstpolitik, S.80). Dreimal war er an der Großen Deutschen Kunstausstellung in München, dem Flagschiff der NS-Kultur, vertreten. Neunmal konnte er seine Plastiken auf den Großen Westfälischen Kunstausstellungen zum Kauf anbieten. In jedem Jahr war er auf Ausstellungen in Soest präsent, manchmal mehrfach. Bei vielen Soester Ausstellungen hatte er die künstlerische Leitung inne. Die Stadt Soest unterstütze mit Ankäufen nicht nur den Ausbau seines Ateliers (Hoeck, Kunstring, S. 21), sondern kaufte immer wieder Kunstwerke von ihm für die städtische Sammlung. Bereits 1929 begann Wulff erfolgreich, Großindustrielle aus dem Ruhrgebiet zu portraitieren. Einer der ersten war Emil Kirdorf, aktiver Unterstützer von Adolf Hitler (Hoeck, S.294).
Das Arrangement mit dem Nationalsozialismus lohnte sich für Wulff. In den Nachkriegsjahren war er einer der wenigen Soester Künstler, die sowohl Haus wie Telefon besaßen (Hartung, Ein wilder Hund, S.71).

Der Kunstberichter
Die Kunstberichte von Erwin Sylvanus trugen dazu bei, dass sich die Soester Künstler als NS-konform etablieren konnten und auch über Soest hinaus bekannt wurden. Dabei zitiert er die NS-Ideologie als Versatzstücke. Sylvanus erscheint weniger als ein überzeugter Nationalsozialist, sondern mehr als ein opportunistischer Nationalsozialist, der in seinen Kunstberichten die besprochenen Maler in die „Deutsche Kunst“ einordnet. Erstaunlich ist, dass er sich dabei nicht scheut, von „freier künstlerischer Selbstentfaltung“ zu sprechen. Zeigt der aktive Mitläufer Sylvanus damit, dass es ihm mehr um die Kunst als um die „Deutsche Kunst“ geht?

Literatur:
Stefanie Riboni, Wilhelm Wulff – ein Bildhauer aus Soest, in: Wilhelm Wulff (1891-1980), hrsg. Von LWL-Museumsamt für Westfalen, Katalog zur gleichnamigen Wanderausstellung, Münster 2010, S.16-45.
Hans Jürgen Hoeck, Der Kunstring Soest 1935 -1961, eine nationalsozialistische Gründung und was daraus wurde, Soest 2013.
Hans Jürgen Hoeck, Kunstpolitik und Ausstellungspraxi im Nationalsozialismus. Zur Chronologie mit Beispielen für Westfalen, Soest 2016.
Hans Rudolf Hartung, Ein wilder Hund, der keiner war. Vom Feierabend eines Künstlers. Erinnerungen an Wilhelm Wulff, in: Wilhelm Wulff 1891-1980, hrsg. Im Auftrag der Stadt Soest von Florian Matzner, Soest 1991, S.69-72.

Wer war Erwin Sylvanus? Was sagt er selbst?

Wir suchten Menschen im Umfeld von Erwin Sylvanus, die ihm vom Holocaust hätten berichten können. Eine Quelle im Zentralarchiv zur Geschichte der Juden in Deutschland schien eine Spur zu sein. Der Auschwitz-Überlebende, der deutsch-polnische Historiker Joseph Wulf hatte mit Sylvanus korrespondiert. Sollte der „Pionier der Holocaustforschung in der Bundesrepublik“, der eines der ersten Bücher über das Warschauer Ghetto verfasst hatte, bei „Korczak und die Kinder“ geholfen haben? Nach einer Überprüfung unseres Anliegens durch die Erben haben wir Einsicht in die Briefe. Den Menschen, der beim Theaterstück beriet, fanden wir in Joseph Wulf nicht. Aber einen engagierten Journalisten, der ausführliche biographische Informationen erbat und auch erhielt. So haben wir ein interessantes Selbstzeugnis von Erwin Sylvanus, an dem aber Zweifel angebracht sind.

Am 19.10.1958 schreibt Joseph Wulf als Korrespondent der israelischen Tageszeitung „DAVAR“  an Erwin Sylvanus. Seine Bücher zum Dritten Reich werde Sylvanus vermutlich kennen, heißt es. Seine letzte Studie „Vom Leben, Kampf und Tod im Ghetto Warschau“ lasse er ihm zukommen. Im Mittelpunkt aber stehen Fragen an den Schriftsteller, die sich um sein Verhältnis zum Nationalsozialismus drehen und die Sylvanus ausführlich beantwortet. Eine Frage und ihre Antwort dokumentieren wir hier:

Joseph Wulf: Wie und mit welchen Gefühlen haben Sie das Dritte Reich hinter sich gebracht?

Erwin Sylvanus: „1933 gehörte ich einer evangelischen Jugendorganisation an, welche 1934 in die Hitlerjugend überführt wurde (gleichgeschaltet, wie man damals sagte). Zunächst beteiligte ich mich gern an all dem, was man uns Jungen bot, erwarb auch 1936 als Hitlerjunge und Primaner das SA-Sportabzeichen und meldete mich freiwillig zum Arbeits- und Wehrdienst. Nach der Entlassung mit einer schweren Dienstbeschädigung erste schriftstellerische Versuche im Schatten derer, die man uns damals als Dichter pries. Beeinflusst vor allem von Knut Hamsun.  Während meiner Lazarettzeit habe ich Hellmuth Fischbach als Freund gewonnen, der mich zuerst mit verbotener und unerwünschter Literatur bekannt gemacht, vor allem mit Thomas Mann. … Weiteren schriftstellerischen Versuchen von mir wurde die Druckgenehmigung verweigert, etwa mit der Begründung, eine Erzählung von mir sei „die Verzerrung des gesunden und kraftvollen Bauerntums, wie wir es gerade nicht wünschen.“ Hinzu kamen begeisternde Begegnungen mit „entarteter Kunst“. So kam der ab Anstoß zur Abkehr von den falschen Idealen eigentlich von der Kunst und Literatur her. Dann folgte das Erschrecken über den Ton von Presse und Rundfunk .…“

Erwin Sylvanus stellt sich als jemand dar, der bereits vor 1945 auf Distanz zum NS-Regime ging. An dieser Darstellung sind Zweifel angebracht. Oder anders formuliert: Es kann sich allenfalls um eine innere Distanz gehandelt haben, die kein Außenstehender bemerkte. In seinem Tun war Erwin Sylvanus ein Verfechter der NS-Ideologie. Als Journalist stellte er sich in den Dienst der Machthaber. Er schrieb insbesondere über zeitgenössische Künstler in Soest und ordnete die Kunst ganz den Interessen des nationalsozialistischen Staates, des „deutschen Volkstums“ und der Kriegsverherrlichung unter. Er kämpfte verbissen um die Veröffentlichung seiner eigenen Werke. Bei zwei von ihnen gelang es ihm. 1941 trat er in die NSDAP ein. Distanz zum NS-Regime ist nicht erkennbar.

Wer war Erwin Sylvanus?

Wer war Erwin Sylvanus? „In einem Menschen stecken viele Möglichkeiten,“ so betitelt Dorothea Potthoff ihren Text über Erwin Sylvanus (in: Vergänglich und unsterblich zwischen Rhein und Weser, 1998). Die Autorin hat mit Menschen sprechen können, die Sylvanus persönlich kannten. Entstanden ist eine dichte Beschreibung, die auch die NS-Zeit nicht auslässt.
1933 war Erwin Sylvanus – am 3. Oktober 1917 geboren – im 15. Lebensjahr. „Als das Dritte Reich kam,“ so schreibt er 1958 im Göttinger Programmheft zur Aufführung „Korczak und die Kinder“, „machte ich als Hitler-Junge zunächst mit – Fahrten, Zeltlager, Heimabende. Frühe schriftstellerische Versuche waren beeinflusst von den Schreibenden, die man uns damals als Dichter pries.“
Der junge Sylvanus ist produktiv, schreibt viel. Es erscheinen aber nur zwei Romane (Der ewige Krieg und Der Paradiesfahrer) während der NS-Zeit. Ihre literarische Qualität ist mäßig. Seine Arbeiten sind völkisch-national, verherrlichen „Blut und Boden“, das Bauerntum und den Krieg. Seine journalistischen Arbeiten stellt er in den Dienst der NSDAP. Schon in der Hitler-Jugend arbeitet er als „Pressewart“. 1941 tritt er der NSDAP bei, wie Hans Jürgen Hoeck 2013 entdeckt hat (Der Kunstring Soest 1935 -1961 eine nationalsozialistische Gründung und was daraus wurde).
Wer also war Erwin Sylvanus? Ein Geläuterter oder ein Schriftsteller, der sich neuen Verhältnissen anpasste? Dorothea Potthoff zitiert hier Tilly Wedekind. Die soll über die NS-Sympathien von Gottfried Benn gesagt haben: „In einem Menschen stecken viele Möglichkeiten.“ Nicht sehr beruhigend. Da lesen wir lieber, dass das „Werbe- und Beratungsamt für das deutsche Schrifttum beim Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda“ 1943 die Drucklegung einer Schrift von Sylvanus verhindert. Der Grund: Bei seiner Erzählung handele es sich um ein „verzerrtes Abbild gesunden kraftvollen Bauerntums“. Es scheint, als wäre Sylvanus den Nationalsozialisten nicht nationalsozialistisch genug.