… nicht zu viel hinter einzelnen biblischen und jüdischen Motiven vermuten, jedenfalls nichts hineingeheimnissen …

Wichtige Passagen des Theaterstücks „Korczak und die Kinder“ beziehen sich auf jüdische Religiosität. Insbesondere in der III. Szene wird  Janus Korczak als Mensch jüdischen Glaubens gezeichnet. Sein Kampf gegen die Lüge wird mit seinem Glauben verknüpft.

Wir haben Professor Becker von der Theologischen Fakultät der Universität Göttingen gefragt, wie er das Verständnis des Judentums bei Sylvanus einschätzt. Wir geben hier seine Email vom 05.10.2017 auszugsweise und mit Fragen versehen wieder. Erwin Sylvanus scheint eher christlich denn jüdisch zu argumentieren – so lässt sich die Einschätzung zusammenfassen.

Im Theaterstück wird verschiedentlich auf jüdische Religiosität Bezug genommen. Hat sich Sylvanus intensiv mit dem Judentum auseinandergesetzt?

Prof. Becker: Ich habe insgesamt nicht den Eindruck gewonnen, als habe hier jemand aus einer vertieften Kenntnis des Judentums herausgeschrieben. Der Zaddik, der Rabbi sind als jüdische Charaktere nicht lebendig gezeichnet – sie erscheinen eher schematisch als Symbole für Frömmigkeit bzw. „das Gesetz“. Bei letzterem scheint mir eher Kafkas Legende „Vor dem Gesetz“ und ihre Auslegung im Zusammenhang des Prozess-Romans („Die Lüge wird zur Weltordnung gemacht“) im Hintergrund zu stehen.

Hat das Verbot zu lügen eine besondere Bedeutung im Judentum?

Prof. Becker: Es gehört nicht zu den Hauptaufgaben eines Rabbis, jemanden zu lehren, nicht zu lügen. Dieses Gebot ist eines neben anderen. Im Stück wird überdies nicht klar, worin die mögliche „Lüge“ des Rabbi bestanden haben könnte. Dass nur ein Jude das verstehen können soll, erscheint mir als eine fast ärgerliche Mystifikation des Judentums.

Warum der Rabbi meint, er würde der Lüge bezichtigt, bleibt im Stück selbst unklar. Wenn Sie die spätere Rowohlt-Fassung dazu vergleichen, können Sie sehen, dass der Autor auch nicht zufrieden war: Der 2. Schauspieler muss dort noch das biblische Verbot der Bilderverehrung zitieren und sagen: „Die Uhr war uns zum Gleichnis geworden…“ Das macht es aber auch nicht besser.

Was ist dann der religiöse Hintergrund des Stückes?

Wo Sylvanus spezifisch jüdische Sätze aufnimmt, wirkt es weder organisch, noch so, als käme es aus einem reicheren jüdischen Erfahrungs- oder Wissensschatz … Die religiösen Deutungskategorien im Stück sind nicht spezifisch jüdisch, sondern biblisch: Verheißung an Abraham, Durchzug durchs Schilfmeer, Erweckung der Totengebeine. Wenn der Autor trotz der Aufnahme dieser zentralen biblischen Interpretamente des Geschehens dennoch der Meinung Ausdruck gibt, „Wahrheit“ gebe es nur jenseits der Religion (und Rasse und Nation), so erscheint mir das intellektuell inkonsistent.

In diesem Zusammenhang finde ich übrigens die schnodderige moralische Verunglimpfung der Kirche in Gestalt des Pastors unsäglich. Die Mitglieder der Bekennenden Kirche, und nicht nur sie, haben in den letzten Jahren des „Dritten Reichs“ Verfolgung und Tod auf sich genommen; etwas, das sich der Autor selbst offenbar erspart hat.

Ich würde also nicht zu viel hinter einzelnen biblischen und jüdischen Motiven vermuten, jedenfalls nichts hineingeheimnissen.  …

Der Schluss mit dem Abschnitt aus dem Hesekielbuch ist sicher ein Hinweis auf den Staat Israel, der damit als Erfüllung der Abrahamsverheißung gesehen wird. Allerdings, möchte man dem Autor entgegenhalten, sind die individuellen Toten von Treblinka keineswegs wieder auferstanden.

Wir danken Professor Becker für seine Unterstützung!

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