Das BBC-Drama „Dr. Korczak and the Children“ (1962)

Wir begeben uns auf die Suche nach Freunden von Erwin Sylvanus. Ein Freund in England, so hat der Schriftsteller Christoph Meckel im August geschrieben, war wohl der ihm nächste Mensch, „aber ich habe weder Namen und Adresse.“  Bei der Recherche finden wir zwar den Freund (noch) nicht. Wir finden aber „one oft he most unusual and compelling television plays of the 1960s“ – das Fernsehdrama „Dr. Korczak and the Children“, das nach dem Bühnenstück von Erwin Sylvanus 1962 von der BBC produziert und gesendet wurde.

Für die Webseite „British Television Drama“ hat Oliver Wake eine ausführliche Besprechung des Studiostücks verfasst. Es handele sich um eine ganz ungewöhnliche Inszenierung, die vom Publikum mit gemischten Gefühlen aufgenommen worden sei. Das Drama „Dr. Korczak and the Children“ war kein großer Publikumserfolg. Der Zuschaueranteil lag noch unter den Anteilen, die BBC-Fernsehspiele normalerweise erhielten. Mancher Zuschauer war dem Angebot des Sprechers im Stück gefolgt und schaltete einen anderen Kanal ein. Für einige war das Stück zu langatmig oder die Erinnerung an die Kriegszeit war zu schmerzhaft, um es sich anzusehen. Die, die durchhielten, aber waren enthusiastisch. Und auch die Rezensionen waren positiv: das Stück sei „unerträglich bewegend“, hieß es in einer Besprechung.

Was war der Grund für diesen Erfolg? Für Oliver Wake glückte das einzigartige Experiment, das der Produzent und Regisseur Rudolph Cartier mit dem Studiostück wagte. Er verzichtete auf jeden Realismus, auf Bühnenbilder, Requisiten und Kostüme. Cartier selbst übersetzte das Stück ins Englische. Leider kann man sich das Fernsehstück heute nicht mehr anschauen. Aber wie man der Beschreibung von Oliver Wake entnehmen kann, hielt sich Cartier weitgehend an die Vorlage von Sylvanus. Auch in dem BBC-Drama werden die drei Schauspieler aus der Gegenwart in das Stück hineingezogen. Ein Kind verkörpert die 200 Waisenkinder. Der Sprecher kommentiert das Geschehen.

Und wie passte der Regisseur das Stück einem nicht-deutschen Publikum an? Durch einen witzig gemeinten Hinweis: „Look at me, another Nazi“, lässt er den Schauspieler des deutschen Offiziers sagen. Anton Diffring war in Großbritannien durch Nazi-Rollen in Funk und Fernsehen bekannt geworden. Der Regisseur stellte die Verbindung her zu den vielen Anti-Nazifilmen, die das englische Publikum kannte.

Auf der Suche nach dem Menschen, der ihm am nächsten stand, fällt uns eines auf: Erwin Sylvanus konnte sich mit fast allen am Film beteiligten auf Deutsch verständigen. Nur einer und zwar der junge Bruce Prochnik, Darsteller des Kindes, war gebürtiger Brite. Sowohl der Regisseur Rudolph Cartier, wie der Sprecher Albert Lieven, der Darsteller des Korczak Joseph Furst, die Schauspielerin Petra Peters hatten einen deutschsprachigen Hintergrund. Sei es, dass sie aus Österreich oder Deutschland vor den Nazis geflohen waren – sei es, dass sie später ihrem Partner ins Ausland folgten. Sie wählten für die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus im Film das Theaterstück von Erwin Sylvanus. Und diese Wahl geschah bestimmt mit Überlegung.

 

 

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