Wer war Erwin Sylvanus? Ein „Kunstberichter“ im NS

„So kam der Anstoß zur Abkehr von den falschen Idealen eigentlich von der Kunst und Literatur her,“ schrieb Erwin Sylvanus 1958 an den deutsch-polnischen Historiker des Holocausts Joseph Wulf. Aber es scheint auch andersherum gewesen zu sein: Der Anstoß zur Hinwendung zu den falschen Idealen kam ebenfalls von der Kunst her. Als NS-„Kunstberichter“ begann Erwin Sylvanus seine journalistische Karriere.

Die Zerstörung von Pluralismus in Staat und Gesellschaft, die der NS-Staat mit Erbitterung vorantrieb, machte vor Kunst und Kultur nicht halt. Künstler jüdischer Herkunft wurden als „Kulturbolschewisten“ verfemt, Malerei und Ästhetik der klassischen Moderne als „entartete Kunst“ und als „Verfallskunst“ diffamiert und aus den Museen entfernt.

Der bürokratische Apparat der Reichskulturkammer kontrollierte die Durchsetzung einer „Deutschen Kunst“. Diese bestand aus NS-Propagandakunst, die Partei, Krieg und Deutschtum heroisch überzeichnete und mit falschem Pathos versah. Zur „deutschen Kunst“ zählte auch die Verklärung einer deutschen „Volksgemeinschaft“, die als idealisiertes Leben auf dem Lande und Leben in der Landschaft dargestellt wurde. Die Traditionen dieser Darstellungen reichten bis ins 19. Jahrhundert zurück und trafen den zeitgenössischen Massengeschmack – populäre Kunst, die die Entwicklung in die klassische Moderne nicht vollzog. An dieses Kunstverständnis und ihre Vertreter konnte die NS-Kulturpolitik anknüpfen (Silke von Berswordt-Wallrabe, Einführung, in: Kunst und Politik im Nationalsozialismus, 2016).

Unspektakuläre Unterdrückung

Hans Jürgen Hoeck hat in seiner Studie „Der Kunstring Soest 1935 – 1961“ detailliert nachgezeichnet, wie unspektakulär, aber dennoch effizient der NS-Staat in einer westfälischen Provinzstadt an Bestehendes anknüpfen konnte. Der NS-Kunstring sicherte das wirtschaftliche Überleben der ihm angeschlossenen Soester Maler und Bildhauer. Er verschaffte ihnen Aufträge und Ausstellungsmöglichkeiten und schützte sie vor Konkurrenz. Nur sieben Künstler waren in den Kulturring aufgenommen worden. Durch Auswahl derjenigen, die sich an Ausstellungen beteiligen durften, setzen sie die NS-Kunstdoktrin einer „Deutschen Kunst“ durch. Die Zerstörung künstlerischer Freiheit war unspektakulär, fast banal. Sie wurde nicht mit Gewalt, sondern mit Einverständnis vollzogen. Andere Zerstörungen führten zu Emigration, Gefängnis oder KZ der betroffenen Künstlerinnen und Künstler.

Erwin Sylvanus als Verfechter der „Deutschen Kunst“

1938 wurde Erwin Sylvanus mit einer schweren Lungentuberkulose aus der Wehrmacht entlassen. Ab diesem Zeitpunkt versuchte der 21jährige, sich eine Existenz als Journalist aufzubauen. Seine Hauptthemen waren Kunst und Künstler aus Soest und Umgebung. Erwin Sylvanus war das Sprachrohr des NS-Kunstrings und begleitete jede einzelne seiner Aktivitäten journalistisch. Jeden seiner Artikel prägt das Bemühen, die dargestellten Künstler als Protagonisten „Deutscher Kunst“ darzustellen.

So war für ihn auch der Krieg künstlerisches Mittel: „Letzten Endes“, so schrieb Sylvanus 1940, “treffen sich hier die Maximen der Zeit mit denen der Kunst: beide erheben den Menschen aus seiner Alltäglichkeit und steigern sich gegenseitig, erläutern und fördern die völkische Substanz.“ Die Rhetorik ist heute unverständlich und entbehrt des Sinns. Vielleicht ging es Zeitgenossen ebenso? Der NS-Jargon scheint aber auch auf emotionale, fast religiöse Bedürfnisse der Überhöhung menschlicher Existenz getroffen zu sein.

„Kunstberichter“

Erwin Sylvanus war ein journalistischer Meister dieses Jargons. Die NS-Rhetorik seiner Berichterstattung begleitete die Zerstörung der künstlerischen Freiheit, die auch das kulturelle Leben in Soest prägte. Er soll hier als „Kunstberichter“ betitelt werden, denn als Kunstkritiker kann man ihn nicht ansehen. Kunstkritik war schon 1936 verboten worden. Ein logischer Schritt, denn Kritik ist nur möglich, wenn es Pluralität gibt. In der Welt von Volksgemeinschaft und Deutschtum gab es nur den „Kunstberichter“. Er wertete nicht, sondern würdigte nur das, was als Kunst staatlich verordnet war.

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