Landesrabbiner Dr. Paul Holzer

Ulrike Witt hat einen Link geteilt.

Neuigkeiten aus dem Archiv!

Wir suchten Menschen im Umfeld von Erwin Sylvanus, die ihm vom Holocaust hätten berichten können. Die ihm vielleicht bei „Korczak und die Kinder“ geholfen haben. Joseph Wulf, der „Pionier der Holocaustforschung in der Bundesrepublik“, war es nicht. Seine Korrespondenz mit Erwin Sylvanus begann erst nach der Veröffentlichung von „Korczak und die Kinder“, haben wir festgestellt.

In der Dortmunder Landes- und Stadtbibliothek haben wir eine neue Spur gefunden. Am 22. Mai 1957 antwortet der Landesrabbiner von Westfalen, Dr. Paul Holzer (1892-1975) auf ein Schreiben von Erwin Sylvanus. Es scheint um das Theaterstück „Korczak und die Kinder“ zu gehen, das seit April 1957 dem Theaterverlag Rowohlt vorlag. Holzer schreibt: „Des öfteren schon habe ich an Sie gedacht und mich gefragt, ob Sie wohl die Veröffentlichung von der Sie z.Zt. gesprochen haben, auch gemacht haben … Herzlich bin ich bereit, den Beitrag, den Sie drucken lassen wollen, vorher mit Ihnen durchzugehen.“

Er würde sich sehr freuen, wenn Sylvanus am Samstag, den 2. Juni kommen und am Gottesdienst teilnehmen wolle. Nur – es sei an diesem Tag nicht möglich, den Beitrag durchzusehen, da Sabbat sei. Erwin Sylvanus – das zeigt der Briefwechsel – war mit jüdischer Religiosität wenig vertraut.

Paul Forssbohm über die szensiche Lesung „Korczak und die Kinder“ in Göttingen

Die Beschäftigung mit Sylvanus und dem Theater des Holocaust hat eine breite öffentliche Zustimmung gefunden. Wir sind, und das ist eher etwas untertrieben, etwas aus dem Häuschen wegen der Medienresonanz und der öffentlichen Anteilnahme an unserer Beschäftigung mit „Korczak und die Kinder“ von Erwin Sylvanus auf dieser Facebook Seite. Auch das Göttinger Tageblatt hat sich ausführlich mit uns beschäftigt. An diesem Artikel kann man sehen, dass auch für die Presse das Thema Holocaust und Theater nur schwer zu fassen ist. Während der Podiumsdiskussion nach der szenischen Lesung am letzten Sonntagnachmittag hat sich eine Literaturwissenschaftlerin zu unserem Sylvanus geäußert. Und das obwohl sie vorher festgestellt hat, dass die Zeit über Sylvanus hinweggegangen sei. Er sei kein Thema mehr in der Germanistik. Hochinteressant fand ich auch die Reaktion der Theaterleute vom Ensemble K und des Jungen Theaters. Wie reagiert das Theater auf ein Stück, das in Göttingen 40 Jahre nicht mehr gespielt wurde. Wir haben durch unsere Beschäftigung mit Erwin Sylvanus Kontakte zur Deutsch-Polnischen Gesellschaft in Göttingen herstellen können. An einem Dialog mit dem Deutsch-Jüdischen Zentrum arbeiten wir noch. Auch Göttingen nimmt an unserer Beschäftigung mit Erwin Sylvanus und seinem Bühnenstück teil. Zur Theateraufführung kamen über 80 Göttinger Zuschauerinnen und Zuschauer. Besonders interessant waren in der anschließenden Diskussion die Beiträge von Frau Prof. Doris Lemmermöhle. Sie ist Pädagogikwissenschaftlerin. und kennt die pädagogischen Schriften von Janusz Korczak sehr gut. Die szenische Lesung hat sie sehr stark an die Schriften von Dr. Janusz Korczak erinnert. Auch der Beitrag von Frau Dr. Dodo Lewien war aus rezeptionsgeschichtlichen Gründen interessant. Sie hat die Aufführung des Deutschen Theaters Göttingen 1978 von Sylvanus´ „Korczak und die Kinder“ gesehen. Die Zuschauerin von damals hat den Dramaturgen von damals Norbert Baensch bei uns wieder getroffen. Die Veranstaltung war gelungen.

Interview mit Walter Gödden

Prof. Dr. Walter Gödden ist Spezialist für westfälische Literatur. Er führt die Geschäfte der Literaturkommission für Westfalen und leitet das Museum für Westfälische Literatur Haus Nottbeck. 2002 erschien sein Artikel „Hinweise auf Erwin Sylvanus‘ Korczak und die Kinder“. Im Interview mit unserer Initiative äußert er sich zu Erwin Sylvanus und seiner Bedeutung für die Literatur in Westfalen.

Frage: Herr Gödden, Sie haben sich bislang am intensivsten mit Erwin Sylvanus auseinandergesetzt. Wer war Erwin Sylvanus?

Walter Gödden: Ich möchte hier nicht die äußeren Lebensdaten Sylvanus‘ aufzählen – das finden Sie in lexikalischen Kompendien. Für mich zählte Sylvanus zu den interessantesten westfälischen Autoren der 1950er und 1960er Jahre. Schon deshalb, weil er sich immer wieder neu erfand. Ich meine damit auch sein anfängliches Grenzgängertum zwischen Journalismus und Literatur. Als Journalist hat er – hinter den Kulissen sozusagen – in seiner Zeit als Kulturredakteur bei der renommierten Zeitschrift Westfalenspiegel maßgeblichen Anteil an einer Reform der westfälischen Literatur ab Mitte der 1950er Jahre. Das betrifft nicht zuletzt die Jury des Droste-Hülshoff-Preises, bei der ein abstrakter Autor wie Ernst Meister plötzlich eine Chance bekam. Interessiert hat mich auch die Zusammenarbeit Sylvanus‘ mit dem Regisseur und Dramaturgen Hans Dieter Schwarze, die dann zum Korczak-Stück führte. Über die späteren Jahre bin ich weniger gut informiert. Da spielte Sylvanus für die hiesige Literatur keine größere Rolle mehr.

Frage: Können Sie erklären, wie und warum sich Sylvanus von der NS-Heimatdichtung abgewandt hat?

Walter Gödden: Nach 1945 gab es in der westfälischen Literatur keine „Stunde null“. Die alten Kräfte hatten die Literaturförderung bald wieder in der Hand. Dazu zählten auch NS-belastete Heimatdichter, die im Dritten Reich Blut- und Bodenromane geschrieben hatten. Sylvanus hat damals – auch aus moralischen, ethischen und politischen Gründen – erkannt, dass sich die Literatur neu orientieren musste. Es gab ja beispielsweise die Gruppe 47, es gab Böll und auf westfälischer Seite einen Paul Schallück. Das waren politisch und kulturell aufgeschlossene, demokratisch denkende Menschen, die einen offenen Kulturbegriff vertraten. In diesem Umfeld fand Sylvanus eine neue „geistige Heimat“, wenn ich das einmal so pathetisch ausdrücken darf. Und er konnte hier, wie erwähnt, selbst viel bewegen. Ohne ihn hätte es die literarische Moderne in Westfalen nach 1945 schwerer gehabt. Er war ein wichtiger und durchaus auch einflussreicher Fürsprecher.

Frage: Das Theaterstück „Korczak und die Kinder“ wurde nach seiner Uraufführung in Krefeld meistenteils kritisch rezensiert. Es wurde in Frage gestellt, ob die Ermordung der europäischen Juden überhaupt auf der Bühne behandelt werden dürfe. Warum hatte das Stück dennoch später so großen nationalen und internationalen Erfolg?

Walter Gödden: Die im Stück geschilderte Ermordung der Kinder lässt – über alles Politische hinweg – niemanden kalt. Es rührt unsere Emotionen an. Als ich das Hörspiel bei einer Veranstaltung vorgestellt habe und die entsprechenden Stellen aus Korczaks Tagebuch vorgelesen habe, konnte ich einfach nicht weiterlesen, so hat es mich ergriffen. Es ist wohl die Verbindung zwischen brutaler politischer Macht auf der einen und humanem Handeln auf der anderen Seite, die anrührt und zur Reflexion anregt. Ein Dokument des Pazifismus also, der stärker ist als alle politischen Systeme. Insofern konnte es auch überall auf der Welt gespielt werden.

Rainer Marie Rilke, Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Rilke

Als Mahl beganns. Und ist ein Fest geworden, kaum weiß man wie. Die hohen Flammen flackten, die Stimmen schwirrten, wirre Lieder klirrten aus Glas und Glanz, und endlich aus den reifgewordenen Takten: entsprang der Tanz. Und alle riß er hin. Das war ein Wellenschlagen in den Sälen, ein Sich-Begegnen und ein Sich-Erwählen, ein Abschiednehmen und ein Wiederfinden, ein Glanzgenießen und ein Lichterblinden und ein Sich-Wiegen in den Sommerwinden, die in den Kleidern warmer Frauen sind.

Aus dunklem Wein und tausend Rosen rinnt die Stunde
rauschend in den Traum der Nacht.

Interview mit Friedrich Kröhnke

In der Novelle „Die Weise von Liebe und Tod“ portraitierte der Schriftsteller Friedrich Kröhnke den alternden, erblindenden Sylvanus. Wir haben uns hier schon mit der Erzählung beschäftigt.

Der Berliner Autor hat nun drei Fragen für uns beantwortet.

Herr Kröhnke, in Ihrer Erzählung „Die Weise von Liebe und Tod“ zeichnen Sie das Bild eines alten, erblindenden Schriftstellers, der einsam nur noch immergleiche Monologe halten kann. Er wohnt in einem klammen, feuchten Hause. Er hat Geld, aber er weiß nicht, damit gut zu leben. Er braucht Hilfe, aber er kann sie nicht annehmen. Es ist Erwin Sylvanus. Wie viel Wirklichkeit steckt in Ihrer Erzählung?

Friedrich Kröhnke: Ich habe ihn erlebt, ich habe das erlebt. Wenn meine Erzählung auch gestaltet ist, kunstvoll, wie Literatur sein soll – und ich mag den Text von 1988 heute noch sehr, und andere schätzen ihn, und sogar ein Stipendium des Landes NRW habe ich als junger Autor damals für ihn bekommen – so trifft doch zugleich zu, dass jedes Detail und jede einzelne Äußerung und Schrulle des „Fabrizius“ in meiner Geschichte ganz genau so von Sylvanus, als ich bei ihm war, getan und gesagt worden ist. Übrigens konnte ich ihm auch Respekt nicht versagen! Alt, wie er war, war er auch Bürgerschreck, ein Radikaler.

Frage: Sie sind dem alten Sylvanus also wirklich begegnet. Warum konnten Sie nicht bei ihm bleiben?

Friedrich Kröhnke: Erwin Sylvanus suchte eine Art Sekretär und Reisebegleiter – die Kunde gelangte über die Dichterin Dagmar Nick zu mir. Anscheinend sollte der Sekretär und Reisebegleiter zugleich ein (wenn auch vielleicht eher „platonisch“) ein strahlender junger Geliebter sein: dafür war ich damals eine Fehlbesetzung.

Man muss auch sehen, dass wir einander, auch wenn jene Tage und Nächte bei ihm so starke Eindrücke boten, nur ein einziges Mal begegnet sind. Er rief zwar noch zweimal an, erreichte aber nur meine Freundin Sylvia. Von seinem Tod wenig später erfuhr ich aus dem Radio. Beerbt hat ihn der Schriftsteller Friedel Thiekötter.

Frage: „Die Weise von Liebe und Tod“ – warum haben Sie der Erzählung einen Titel gegeben, der an die berühmte Novelle von Rainer Maria Rilke erinnert?
Friedrich Kröhnke: Sylvanus oder ich benutzten den Ausdruck (gewiss: Rilke zitierend) im Gespräch über seine Idee, noch ein Stück zu schreiben, ein Stück über AIDS. Im Rückblick fand ich in diesen Wörtern „Weise von Liebe und Tod“ viel vom Wesen unserer vergeblichen Begegnung.

„Eine neue Weise von Liebe und Tod“ hatten wir damals gesagt. Und für die Neuausgabe der Novelle habe ich Bernhard Albers vom Rimbaud Verlag den leicht veränderten Titel vorgeschlagen: „Neue Weise von Liebe und Tod“. Er wollte aber nichts davon wissen, da mein Text ja in seiner früheren Ausgabe (in dem Erzählungenband „Knabenkönig mit halber Stelle“) schon seit 1988 in der Welt war.

Film: „Geheimsache Ghettofilm“

Das Warschauer Ghetto im Film

Vielfach wurde die israelische Filmemacherin Yael Hersonski für ihren Dokumentarfilm „Geheimsache Ghettofilm“ aus dem Jahr 2009 ausgezeichnet. Sie nutzte das Rohmaterial eines NS-Propagandafilms, der im Warschauer Ghetto gedreht, aber nie fertiggestellt wurde. Trotz der von den Nazis gestellten Szenen werden wir mit der grausamen Realität des Ghettos kon-frontiert. Hier lebten Janusz Korczak und seine Waisenkinder bis zu ihrer Deportation nach Treblinka Anfang August 1942.

Im Mai 1942 machte ein deutsches Kamerateam – vermutlich im Auftrag des NS-Reichspropagandaministers Joseph Goebbels – einen Monat lang Aufnahmen im Warschauer Ghetto. Yael Hersonski rekonstruierte in aufwändigen Recherchearbeiten den Hintergrund der Filmaufnahmen. Ihr Dokumentarfilm arbeitet mit unterschiedlichen Elementen. Die stummen Schwarz-Weiß-Aufnahmen werden durch gesprochene Tagebuchaufzeichnungen von Adam Czerniaków, dem Ältesten des Judenrats kommentiert. Wir beobachten die Reaktion von Zeit-zeugen/innen beim Anschauen des Films. Das Verhör mit dem NS-Kameramann Willy Wist wird von Schauspielern nachgesprochen. So entsteht eine dichte und reflexive Dokumentation, die den Zuschauer nicht gänzlich mit den Bildern der dramatischen Zustände im Ghetto allein lässt. Vor allem aber wird auch die propagandistische Absicht systematisch durchkreuzt.

http://www.bpb.de/geschichte/nationalsozialismus/geheimsache-ghettofilm/157498/der-film

 

Sylvanus in Prag

Das Foto zeigt Erwin Sylvanus auf dem Jüdischen Friedhof in Prag. Sylvanus liebte Prag. „[Prag] ist ein Ort, an dem sich geradezu traumhaft zeigt, wie alle Jahrhunderte dort noch ihre Spuren, ihre Bauten, ihre Trachten und Sitten aufzuweisen haben. Das ist die Stadt, wo das Bild der Gleichzeitigkeit aller Epochen verwirklicht ist wie nirgends sonst..“ sagte er in einem Interview, das 1963 erschien. Im gleichen Jahr wurde der Fernsehfilm „Kafka und Prag“ ausgestrahlt. Das Drehbuch schrieb Erwin Sylvanus. Zeigen wollte er, wie der Prager Dichter Kafka „aus der labyrinthischen Vielschichtigkeit der „goldenen Stadt“ zu verstehen sei.

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Fundstück: Carola Stern, In den Netzen der Erinnerung. Lebensgeschichte zweier Menschen (1986)

In den Netzen der Erinnerung verfängt sich Carola Stern nicht. Denn für sie führt der Weg zum Ich über die Erinnerung.

Die 1925 Geborene veröffentlicht 1986 ihre Kindheitsgeschichte und die ihres Ehemannes Heinz Zöger. Die Kindheiten im Deutschland der 1930er und 1940er Jahre könnten kaum unterschiedlicher sein. Der junge Kommunist geht in den Widerstand gegen das NS-Regime. Die Ahlbecker Tochter einer alteingesessenen preußischen Familie erhofft sich vom NS-Staat neues Heldentum und träumt von der Gleichheit in der „Volksgemeinschaft“. Ihr Aufstieg in der Hitlerjungend scheint ihr zunächst recht zu geben. Carola Stern beschreibt die Kindheiten mit analytischem Blick, aber immer aus der Perspektive und mit den Bildern der beiden Heranwachsenden.

Was verbindet diese beiden Menschen? Was führt sie Jahrzehnte später zueinander und lässt sie bei einander bleiben? Aus Sicht der Autorin ist es die erlebte Verblendung durch Ideologie. Die große Enttäuschung des kommunistischen Widerständlers ist, dass sich für ihn auch das SED-Regime als Gewaltherrschaft entpuppt. Nach einer Haftstraße flieht er aus der DDR und versucht, im kapitalistischen Westdeutschland Fuß zu fassen.

„Nichts ist unerklärlicher als eine verschwundene Begeisterung“, so heißt es auf dem Klappentext. Unerklärlich für die Außenwelt und unerklärlich auch für die Person. Die Gefühle der Begeisterung können ins Gedächtnis gerufen werden. Die Ursache für die Begeisterung ist kaum rekonstruierbar. Für Carola Stern ist das Aussprechen der Vergangenheit ein Akt der Befreiung. Für sie „führt ein Weg zum Ich über die Erinnerung“. Ihr Mann schlägt diesen Weg nicht ein.

Ein Fazit des Buches findet sich ebenfalls auf dem Klappentext. Es ist ein Zitat des französischen Schriftstellers und Abenteurers André Malraux: „Die Menschen sind durch die Art ihres Erinnerns ebenso voneinander geschieden wie durch ihre Charakteranlagen. Die Tiefen sind verschieden tief, die Netze sind nicht gleich, und auch die Fänge sind es nicht.“

Welche Art des Erinnerns war für Erwin Sylvanus typisch?

Drei Fragen an Dorothea Mummendey

Wer war Erwin Sylvanus? „In einem Menschen stecken viele Möglichkeiten,“ so betitelte Dorothea Potthoff 1998 ihren Text über Erwin Sylvanus (in: Vergänglich und unsterblich zwischen Rhein und Weser, 1998). Wir haben am 29.09.2017 hier über ihre dichte Beschreibung berichtet. Jetzt haben wir die Autorin gefunden, die heute Dorothea Mummendey heißt. Sie war bereit, drei Fragen zu Erwin Sylvanus zu beantworten.

Für Ihren Aufsatz konnten Sie 1998 noch mit Menschen sprechen, die Erwin Sylvanus gut gekannt haben. Welchen Eindruck haben sie von ihm vermittelt?

Für mein Buch „Vergänglich und unsterblich zwischen Rhein und Weser“ bzw für den Artikel über Sylvanus habe ich 1998 den Nachbarn Arthur Dell und Sylvanus´ Erben Friedel Thiekötter getroffen. Die beiden erzählten mir von aufregenden Begebenheiten, wenn zum Beispiel im verschlafenen Völlinghausen in der Nachkriegszeit auf einmal große, schicke Autos auftauchten und viele deutsche Schriftsteller und Verleger dort in Sylvanus´ Haus ein und aus gingen. Sicherlich hat er dort das Leben bunter gemacht (nicht nur aufgrund seiner Homosexualität). Auf der anderen Seite erfuhr ich auch, daß der Autor ein recht egozentrischer, launischer, zeitweise verschwenderischer Mensch gewesen sein muß. Leicht war es sicherlich nicht mit ihm.

Im Nationalsozialismus war Erwin Sylvanus weder Täter, noch Opfer, hatte aber eine starke Nähe zur NS-Kulturpolitik. Wie würden Sie sein Verhältnis zum NS beschreiben? Wie kam es zu seiner „Kehrtwende“ in den 50er Jahren?

Erwin Sylvanus war als junger Mann bereit, seine schriftstellerische Tätigkeit in den Dienst der Nationalsozialisten zu stellen. Er wollte quasi um jeden Preis veröffentlichen. Heraus kam völkische Literatur, Blut-und-Boden-Dichtung. In einer Zeit, in der immer weniger Autoren/Journalisten vom NS-Regime akzeptiert wurden, war diese Art des Schreibens die einzige Möglichkeit in Deutschland zu publizieren. Er mußte literarisch angepaßt, opportun sein.
Von diesem Zwang sah er sich nach dem Krieg befreit.

Wo liegen aus Ihrer Sicht die Gründe für den Erfolg von „Korczak und die Kinder“?
Ich denke, daß „Korczak und die Kinder“ ein zeitloses Stück ist, es erinnert, es mahnt. Das Wichtigste ist aber, dass es auch die mögliche Größe eines Menschen zeigt. Größe inmitten der unendlichen Grausamkeit. Damit ist der Arzt Korczak mehr als ein Held (so wie im klassischen Drama). Es ist die von ihm verkörperte unzerstörbare Menschlichkeit, die berührt.

Neues Literaturkontor

Dorothea Mummendey hat das Lektrorat im Neuen Literaturkontor in Münster. Hier wurden unter anderem die Werke des 2011 verstorbenen Friedel Thiekötter verlegt. Er war mit Erwin Slvanus eng befreundet.

–  Literarische Reise-Feuilletons    (Paris, Berlin, Wien, Portugal, Rheinland, Westfalen und wieder Paris…)                                                                                                             –  Literarische Kriminalromane    (Das Böse, Wahre und Schöne…)
neues-literaturkontor.de

Erwin Sylvanus und die „Junge Kunst“ in Soest. Drei Fragen an Hans Jürgen Hoeck

Wer sich heute mit Erwin Sylvanus beschäftigt, kommt an den Veröffentlichungen von Hans Jürgen Hoeck nicht vorbei. In seinen Untersuchungen zur Soester Kunst in den 30er und 40er Jahren zeigt der Autor, wie das künstlerische Milieu der westfälischen Kleinstadt vom Nationalsozialismus geprägt wurde. In dieser Gemengelage von Kunst und NS-Kulturpolitik versuchte Sylvanus, als Journalist Fuß zu fassen. Hans Jürgen Hoeck hat sich für ein Interview zur Verfügung gestellt.

Sie haben eine detaillierte Recherche über den Soester Kunstring vorgelegt. Was war Ihre Motivation für diese quellenorientierte Arbeit?

Von 2001 bis 2012 hatte ich in zahlreichen Archiven (Norderney, Schwelm, Wuppertal, Soest, Bochum, Dortmund und zuletzt wieder Soest), auch mit erheblichen finanziellen Auslagen verbunden, einige tausend Seiten an relevantem Material gesammelt, geordnet und computergerecht aufgearbeitet. Anfänglich schwerpunktmäßig zu dem Maler Vollrath Hoeck, aber im Zusammenhang damit aus Interesse auch zu anderen „Soester“ Künstlern, die ich zu einem großen Teil während meiner Kindheit und Schulzeit in Soest persönlich erlebt hatte.

Es ergab sich selbstverständlich die Frage, dieses Material und das damit verbundene Wissen in den Aktenschränken verschwinden zu lassen oder es bestmöglich zu nutzen. Da es aus meiner Sicht wenig wahrscheinlich schien, dass sich jemand nach dem Tod des ehemaligen Soester Stadtarchivars Dr. Köhn detailliert und wissenschaftlich fundiert mit dem Kunstring auseinander setzen würde, entschloss ich mich, das Thema selber zu bearbeiten. Das war auch eine nicht geringe Geduldsprobe für meine Frau.

„War der Soester Kunstring ein Unterstützungsinstrument für Künstler oder diente er vorrangig der Durchsetzung nationalsozialistischer Kunstpolitik?“

Die Zielsetzungen „Unterstützungsinstrument“ und „Durchsetzung nationalsozialistischer Politik“ sind untrennbar miteinander verbunden.

Den politischen Anstoß für die Gründung des Kunstrings gab die NS-Kulturgemeinde, Ortsverband Soest, die auch später die Kontrolle ausübte. Zur Gründungsversammlung eingeladen wurden sieben „Soester“ Künstler. Die folgenden Aufgaben wurden herausgestellt: 1. Heranführung breitester Kreise, insbesondere der Jugend, an die bildende Kunst. 2. Schaffung einer wirksamen Hilfe für ortsansässige Künstler.

Diese Entwicklung folgte den reichsweiten Vorgaben durch die NSDAP und dem Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda. Auch wenn es zwischen diesen Institutionen wiederholt heftiges Kompetenzgerangel gab, unbestrittenes Ziel war es, die Kultur und damit auch die bildenden Künste als ein staatliches Instrument den Zielen des nationalsozialistischen Staates dienend unterzuordnen.

 Welche Rolle spielte Erwin Sylvanus in den Soester Kunstkreisen?

Die Rolle von Erwin Sylvanus und sein Verhältnis zur bildenden Kunst in Soest ist sehr widersprüchlich und zeugt von einem deutlichen Bruch in seinen erkennbaren Einstellungen. Möglicherweise lässt sich das mit einem Bestreben erklären, sich den jeweiligen politischen Verhältnissen zum eigenen Nutzen anzupassen.

  1. S. betätigte sich als junger Journalist, wie es Dr. Goebbels forderte, als Kunstberichterstatter, also dezidiert nicht als Kunstkritiker. So berichtete er auch über die NS zensierten Kunstausstellungen in Soest und förderte und festigte mit der Herausstellung der gezeigten Kunst und Künstler das Kunstverständnis der Zeitungsleser im nationalsozialistischen Sinn. Zu Kriegszeiten wurde er von Kunstringmitgliedern zu formlosen Zusammenkünften und Atelierbesichtigungen eingeladen.

Bereits 1945, und bald nach dem Ende des zweiten Weltkriegs, las er aus eigenen Werken vor einem größeren Kreis früherer Mitglieder des NS Kunstrings, Kunstfreunden, Kulturträgern und Politikern. Im Dezember wurde er zu der zehnjährigen „Jubiläumsausstellung“ des Kunstrings eingeladen und teilt diese Rolle mit allen, die Rang und Namen hatten, einschließlich der Repräsentanten der Militärregierung. 1946 wurde er Mitglied des Kunstrings, der nun auch Architekten und Schriftsteller aufnahm. E. S. wurde in den Vorstand gewählt. Wegen seiner journalistischen Arbeit im NS Staat untersagten die zuständigen Behörden diese Tätigkeit. E. S. las im Rahmen des Kunstrings aber weiterhin aus eigenen Werken. 1950 sollte ihm der „Ehrenpinsel“ des Kunstrings überreicht werden. Im gleichen Jahr wollte E. S. zu einem Interview mit Emil Nolde nach Seebüll reisen, der aus Zeitgründen aber ablehnte. 1953 trat Erwin Sylvanus anlässlich einer Soester Kunstausstellung als Fürsprecher von während der NS Zeit als „entartet“ bezeichneter Kunst auf. Dieser Bruch mit seinen früher vertretenen Positionen konnte bisher für mich nicht überzeugend erklärt werden. Mitte 1956 wird er nicht mehr als Mitglied des Soester Kunstrings geführt. Ende des Jahres übte er heftige Kritik an einer Kunstringausstellung. Diese löste auf Seiten des Kunstrings wiederum heftige Kritik an Erwin Sylvanus aus. Damit war das bis dahin enge Verhältnis zum Soester Kunstring beendet.

Hier ein Bericht über „Kunstpolitik und Ausstellungspraxis im Nationalsozialismus – Zur Chronologie mit Beispielen für Westfalendas“ von Hans Jürgen Hoeck.

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