Sylvanus über Wilhelm Wulff

Wie ich im letzten Beitrag gezeigt habe, begann Erwin Sylvanus (1917-1985) seine Karriere im NS mit Berichten über Kunst. Seine Artikel erschienen auch in der Westfälischen Landeszeitung Rote Erde, der offiziellen Parteizeitung der NSDAP im südlichen Westfalen. Im Mittelpunkt stand die „Junge Soester Kunst“. Sie sollte einen respektablen Platz in der nationalsozialistischen „Deutschen Kunst“ erhalten. Für dieses Ziel scheute der „Kunstberichter“ Sylvanus keine Umdeutung, wie sein Beitrag über den Soester Künstler Wilhelm Wulff (1891 – 1980) aus dem Jahr 1941 deutlich macht.

Vorbild Wilhelm Morgner
Anlass des Sylvanus-Artikels ist der 50. Geburtstag des Soester Bildhauers Wilhelm Wulff. Dieser habe „die ersten Anregungen zur freien künstlerischen Selbstentfaltung“ von Wilhelm Morgner erhalten. Die „Junge Soester Kunst“ beginnt für Erwin Sylvanus mit dem Soester Maler Morgner. Das ist erstaunlich. Denn der 1891 geborene und im Ersten Weltkrieg gefallene Maler hätte 1941 zur „Entarteten Kunst“ gezählt. Morgner war einer der wichtigsten Vertreter des Expressionismus in Westfalen, und der Expressionismus galt den Nazis als undeutsch und kulturbolschewistisch.

Kunst in der Kleinstadt
Wulff war mit dem jungen Journalisten Sylvanus schon seit Jahren bekannt und befreundet. Bereits in den 30er Jahren hatte er ein „Porträt des Hitlerjungen-Barden Erwin Sylvanus“ (Hartung, Ein wilder Hund) geschaffen. 1953 heißt es im Tagebuch von Sylvanus: „Heute Mittag genau um 13:00 Uhr ist Wilhelm mit der Porträtplastik von mir fertig geworden. Eine ordentliche Arbeit, wie ich glaube. Deswegen freue ich mich, dass es sie fortan gibt.“ Die Terrakotta-Plastik ist heute noch im Museum Wilhelm Morgner in Soest vorhanden. Sie zeigt den damals 36jährigen Sylvanus mit der markant hohen Stirn. Die Freundschaft hatte die NS-Zeit überdauert, was im Übrigen für den gesamten Kreis des NS-Kunstrings galt, der noch lange Jahre regelmäßig zur Doppelkopfrunde zusammenkam (Hartung, Ein wilder Hund). In der Kleinstadt Soest blieb man beieinander.

Kunstbericht
Für Sylvanus ist es besonders die „Portraitkunst“ von Wulff und seine Darstellungen der Industriearbeiter, die ihn hervorheben. „Markante Persönlichkeiten des heimatlichen Raums“ habe er portraitiert. Nach dem Ersten Weltkrieg – also nach dem Tod von Wilhelm Morgner – habe sich das Werk von Wulf zu der „Größer und sicheren Ausgeglichenheit entwickelt, in der es heute dasteht. „Von den mannigfachen Kunstströmungen der Nachkriegszeit, von ihren verschiedenen Ismen blieb er unberührt,“ behauptet Sylvanus.

Ismen
Das Gegenteil war der Fall. Wie Stefanie Reboni zeigt, gab es tatsächlich fast keinen „Ismus“, den Wulff nicht ausprobierte (Stefanie Riboni, Wilhelm Wulff – ein Bildhauer aus Soest, 2010). Wulff entwickelte seinen Stil in direkter Auseinandersetzung mit den avantgardistischen Strömungen der 20er Jahre, mit dem Expressionismus, dem Kubismus und dem Konstruktivismus. In schneller und intensiver Rezeption und ständigem Wechsel übertrug der deren Formsprachen auf sein bevorzugtes Material Holz. Seine Arbeiten erinnern an die Werke von Picasso, des US-Amerikaners Archipenko und Schlemmer.

Naturalismus
Der naturalistischen Bildhauerei wendet sich Wilhelm Wulff erst Ende der 20er Jahre nach einem Aufenthalt in Paris zu. Dieser Wechsel war auch auf die Erfahrung zurückzuführen, dass sich mit realitätsnahen Portraits und Büsten eher Geld verdienen und eine Familie ernähren ließ als mit der avantgardistischen Kunst der Moderne. Das galt zumindest für die deutsche Provinz. Im NS-Staat gab es dann keine Alternative mehr zum vormodernen Naturalismus. Als Wulff nach 1945 versuchte, wieder an seine frühen Arbeiten anzuschließen, gelang ihm das nicht mehr.

Wirtschaftlicher Erfolg
Durchgängig von 1934 bis 1944 war Wilhelm Wulff im Soester Kunstring für die Zensur von Bildern mit verantwortlich (Hoeck, Kunstring, S.7). Das Engagement lohnte sich. Von 1933 bis 1944 war Wulff jedes Jahr an mindestens drei Ausstellungen beteiligt (Hoeck, Kunstpolitik, S.80). Dreimal war er an der Großen Deutschen Kunstausstellung in München, dem Flagschiff der NS-Kultur, vertreten. Neunmal konnte er seine Plastiken auf den Großen Westfälischen Kunstausstellungen zum Kauf anbieten. In jedem Jahr war er auf Ausstellungen in Soest präsent, manchmal mehrfach. Bei vielen Soester Ausstellungen hatte er die künstlerische Leitung inne. Die Stadt Soest unterstütze mit Ankäufen nicht nur den Ausbau seines Ateliers (Hoeck, Kunstring, S. 21), sondern kaufte immer wieder Kunstwerke von ihm für die städtische Sammlung. Bereits 1929 begann Wulff erfolgreich, Großindustrielle aus dem Ruhrgebiet zu portraitieren. Einer der ersten war Emil Kirdorf, aktiver Unterstützer von Adolf Hitler (Hoeck, S.294).
Das Arrangement mit dem Nationalsozialismus lohnte sich für Wulff. In den Nachkriegsjahren war er einer der wenigen Soester Künstler, die sowohl Haus wie Telefon besaßen (Hartung, Ein wilder Hund, S.71).

Der Kunstberichter
Die Kunstberichte von Erwin Sylvanus trugen dazu bei, dass sich die Soester Künstler als NS-konform etablieren konnten und auch über Soest hinaus bekannt wurden. Dabei zitiert er die NS-Ideologie als Versatzstücke. Sylvanus erscheint weniger als ein überzeugter Nationalsozialist, sondern mehr als ein opportunistischer Nationalsozialist, der in seinen Kunstberichten die besprochenen Maler in die „Deutsche Kunst“ einordnet. Erstaunlich ist, dass er sich dabei nicht scheut, von „freier künstlerischer Selbstentfaltung“ zu sprechen. Zeigt der aktive Mitläufer Sylvanus damit, dass es ihm mehr um die Kunst als um die „Deutsche Kunst“ geht?

Literatur:
Stefanie Riboni, Wilhelm Wulff – ein Bildhauer aus Soest, in: Wilhelm Wulff (1891-1980), hrsg. Von LWL-Museumsamt für Westfalen, Katalog zur gleichnamigen Wanderausstellung, Münster 2010, S.16-45.
Hans Jürgen Hoeck, Der Kunstring Soest 1935 -1961, eine nationalsozialistische Gründung und was daraus wurde, Soest 2013.
Hans Jürgen Hoeck, Kunstpolitik und Ausstellungspraxi im Nationalsozialismus. Zur Chronologie mit Beispielen für Westfalen, Soest 2016.
Hans Rudolf Hartung, Ein wilder Hund, der keiner war. Vom Feierabend eines Künstlers. Erinnerungen an Wilhelm Wulff, in: Wilhelm Wulff 1891-1980, hrsg. Im Auftrag der Stadt Soest von Florian Matzner, Soest 1991, S.69-72.

Wer war Erwin Sylvanus? Ein „Kunstberichter“ im NS

„So kam der Anstoß zur Abkehr von den falschen Idealen eigentlich von der Kunst und Literatur her,“ schrieb Erwin Sylvanus 1958 an den deutsch-polnischen Historiker des Holocausts Joseph Wulf. Aber es scheint auch andersherum gewesen zu sein: Der Anstoß zur Hinwendung zu den falschen Idealen kam ebenfalls von der Kunst her. Als NS-„Kunstberichter“ begann Erwin Sylvanus seine journalistische Karriere.

Die Zerstörung von Pluralismus in Staat und Gesellschaft, die der NS-Staat mit Erbitterung vorantrieb, machte vor Kunst und Kultur nicht halt. Künstler jüdischer Herkunft wurden als „Kulturbolschewisten“ verfemt, Malerei und Ästhetik der klassischen Moderne als „entartete Kunst“ und als „Verfallskunst“ diffamiert und aus den Museen entfernt.

Der bürokratische Apparat der Reichskulturkammer kontrollierte die Durchsetzung einer „Deutschen Kunst“. Diese bestand aus NS-Propagandakunst, die Partei, Krieg und Deutschtum heroisch überzeichnete und mit falschem Pathos versah. Zur „deutschen Kunst“ zählte auch die Verklärung einer deutschen „Volksgemeinschaft“, die als idealisiertes Leben auf dem Lande und Leben in der Landschaft dargestellt wurde. Die Traditionen dieser Darstellungen reichten bis ins 19. Jahrhundert zurück und trafen den zeitgenössischen Massengeschmack – populäre Kunst, die die Entwicklung in die klassische Moderne nicht vollzog. An dieses Kunstverständnis und ihre Vertreter konnte die NS-Kulturpolitik anknüpfen (Silke von Berswordt-Wallrabe, Einführung, in: Kunst und Politik im Nationalsozialismus, 2016).

Unspektakuläre Unterdrückung

Hans Jürgen Hoeck hat in seiner Studie „Der Kunstring Soest 1935 – 1961“ detailliert nachgezeichnet, wie unspektakulär, aber dennoch effizient der NS-Staat in einer westfälischen Provinzstadt an Bestehendes anknüpfen konnte. Der NS-Kunstring sicherte das wirtschaftliche Überleben der ihm angeschlossenen Soester Maler und Bildhauer. Er verschaffte ihnen Aufträge und Ausstellungsmöglichkeiten und schützte sie vor Konkurrenz. Nur sieben Künstler waren in den Kulturring aufgenommen worden. Durch Auswahl derjenigen, die sich an Ausstellungen beteiligen durften, setzen sie die NS-Kunstdoktrin einer „Deutschen Kunst“ durch. Die Zerstörung künstlerischer Freiheit war unspektakulär, fast banal. Sie wurde nicht mit Gewalt, sondern mit Einverständnis vollzogen. Andere Zerstörungen führten zu Emigration, Gefängnis oder KZ der betroffenen Künstlerinnen und Künstler.

Erwin Sylvanus als Verfechter der „Deutschen Kunst“

1938 wurde Erwin Sylvanus mit einer schweren Lungentuberkulose aus der Wehrmacht entlassen. Ab diesem Zeitpunkt versuchte der 21jährige, sich eine Existenz als Journalist aufzubauen. Seine Hauptthemen waren Kunst und Künstler aus Soest und Umgebung. Erwin Sylvanus war das Sprachrohr des NS-Kunstrings und begleitete jede einzelne seiner Aktivitäten journalistisch. Jeden seiner Artikel prägt das Bemühen, die dargestellten Künstler als Protagonisten „Deutscher Kunst“ darzustellen.

So war für ihn auch der Krieg künstlerisches Mittel: „Letzten Endes“, so schrieb Sylvanus 1940, “treffen sich hier die Maximen der Zeit mit denen der Kunst: beide erheben den Menschen aus seiner Alltäglichkeit und steigern sich gegenseitig, erläutern und fördern die völkische Substanz.“ Die Rhetorik ist heute unverständlich und entbehrt des Sinns. Vielleicht ging es Zeitgenossen ebenso? Der NS-Jargon scheint aber auch auf emotionale, fast religiöse Bedürfnisse der Überhöhung menschlicher Existenz getroffen zu sein.

„Kunstberichter“

Erwin Sylvanus war ein journalistischer Meister dieses Jargons. Die NS-Rhetorik seiner Berichterstattung begleitete die Zerstörung der künstlerischen Freiheit, die auch das kulturelle Leben in Soest prägte. Er soll hier als „Kunstberichter“ betitelt werden, denn als Kunstkritiker kann man ihn nicht ansehen. Kunstkritik war schon 1936 verboten worden. Ein logischer Schritt, denn Kritik ist nur möglich, wenn es Pluralität gibt. In der Welt von Volksgemeinschaft und Deutschtum gab es nur den „Kunstberichter“. Er wertete nicht, sondern würdigte nur das, was als Kunst staatlich verordnet war.

Schwierigkeiten mit dem Erinnern. Die Max-Planck-Gesellschaft tut sich heute noch schwer

Am letzten Dienstag (24.10.2017) fand die erste Vorlesung in der Reihe „Forschung im Zeitalter der Extreme“ statt. Die Aula am Wilhelmsplatz war voll. Dass das Thema der Ringvorlesung auf so großes Interesse stößt! Immerhin hat der Saal 400 Sitzplätze.

Der Historiker Professor Dirk Schumann stellte das Programm der Vorlesung vor. Wissenschaft und Politik gingen im Nationalsozialismus enge Verbindungen ein, die auch die außeruniversitäre Forschung in Akademien und den damaligen Kaiser-Wilhelm-Instituten (heute Max-Planck) prägte. Beide stellten – so hat es der bekannte Historiker Professor Mitchell Ash, der am 07.11. referieren wird, formuliert – „Ressourcen füreinander“ dar. Eine Mischung aus Opportunismus und echter Begeisterung konstatierte Schumann.

Begriffe
Wenn man beginnt, sich mit einem Thema zu befassen, ist die Sensibilität für Begriffe groß. Es ist die Angst vor Fehlern, denke ich. So war ich erschrocken als ich bei Wolfgang Sofsky las, dass der Begriff „Holocaust“, der sich nach der gleichnamigen populären Fernsehsendung rasch in Deutschland verbreitete, ein religiöser Begriff ist. Er bedeutet „vollkommenes Brandopfer“. „Durch die Entstellung des Sinns entsteht der Eindruck, als habe der Massenmord eine tiefere religiöse Bedeutung, als hätten sich die Opfer gewissermaßen selbst geopfert.“ (Sofsky, Ordnung des Terrors, S.15). Unterschiedliche Bezeichnungen haben unterschiedliche Bedeutungen. Sie geben Interpretationen und heben Verschiedenes hervor. Sie können auch den Blick auf Tatsachen ersparen (Sofsky).

Professor Schumann benutzte in seinem Vortrag sieben Mal den Begriff NS-Regime. Dreimal sprach er vom „Dritten Reich“, einmal vom „nationalsozialistischen Deutschland“. Offensichtlich sind es drei eingeführte Begriffe, die man problemlos benutzen kann. Mir scheint, dass der von Schumann präferierte Begriff etwas stärker auf die staatliche Sphäre abhebt. Unabhängig von der negativen Konnotation bedeutet Regime zunächst einmal Regierungsform.

Fakten
Das Hauptereignis des Abends war der Vortrag von Professorin Carola Sachse aus Wien. Die Historikerin leitete im Auftrag von Max-Planck ein groß angelegtes Forschungsprojekt zur Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus. Am Dienstag sprach sie über „Die Max-Planck-Gesellschaft, die Zwillingsforschung und Auschwitz: Fakten und Vorstellungen“. Im Vordergrund ihres Vortrags standen zunächst die Fakten. Und zwar die Zusammenarbeit des deutschen Lagerarztes von Auschwitz und SS-Offiziers, Josef Mengele, mit dem Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik (KWI Anthropologie) in Berlin-Dahlem.
Mengele nutzte die „ethisch entgrenzten Bedingungen des Konzentrationslagers“ für Menschenversuche, für lebensgefährliche Experimente insbesondere an Zwillingskindern, Juden und Sinti, die er von der Rampe in Auschwitz selektierte. Für die eugenischen Forschungen des KWI Anthropologie lieferte er Augäpfel von Ermordeten und präparierte Hirnschnitte der Toten. Die Fakten sind eindeutig. Die Wissenschaft und die Wissenschaftler profitierten von der Mordmaschine Auschwitz. Dabei war das KWI Anthropologie keine Ausnahme, sondern die Regel. Alle Kaiser-Wilhelm-Institute, so Sachse, waren an der nationalsozialistischen Kriegs- und Rüstungsforschung beteiligt.

Vorstellungen
Sind die Fakten auch eindeutig, die Vorstellungen sind es nicht. Die nationalsozialistische Vergangenheit ihrer Vorgängerinstitute macht der Max-Planck-Gesellschaft auch heute noch Probleme. 2001 waren es Opfer und Überlebende, die verhinderten, dass es bei der Erforschung der NS-Vergangenheit blieb. Die Nachfolgeorganisation sollte Verantwortung übernehmen.

In einem gemeinsamen Kolloquium forderte Eva Moszes Kor vom Verband „Children of Auschwitz Nazi Deadly Lab Experiments Survivors“ (C.A.N.D.L.E.S) eine Entschuldigung vom Präsidium der Max-Planck-Gesellschaft. Nur dann könne Vergebung gewährt werden.
Der damalige Präsident der Gesellschaft konnte diesen Weg nicht gehen. Er konzentrierte sich in seiner Rede – so Carola Sachse – weiterhin auf die Fakten. Seiner Auffassung nach könnten nämlich nur Täter um Verzeihung bitten. Und um Täter handele es sich bei der jetzigen Max-Planck-Gesellschaft nicht.

Erinnern, statt vergeben
Für einen anderen Weg des Umgangs mit der NS-Vergangenheit appelierte 2001 Jona Iaks aus Tel Aviv. Vergeben könne sie nicht und wolle sie nicht, denn Vergeben führe zum Vergessen. „Wir verlangen von Ihnen, dass Sie sich an das erinnern, was Sie „aufräumen“ und dann vielleicht vergessen wollen. Wir werden uns auf jeden Fall erinnern – werden Sie auf jeden Fall vergessen?“

Letzteres scheint der Fall zu sein. Carola Sachse beschloss ihren Vortrag mit dem Foto der Erinnerungstafel angebracht am ehemaligen KWI Anthropologie: Die Schrift ist kaum zu lesen, denn sie ist verwittert. So sieht die Erinnerungskultur von Max-Planck heute aus! Und deshalb stellt sich die Frage: Wäre die Wissenschaft heute gefeit?

Wer war Erwin Sylvanus? Was sagt er selbst?

Wir suchten Menschen im Umfeld von Erwin Sylvanus, die ihm vom Holocaust hätten berichten können. Eine Quelle im Zentralarchiv zur Geschichte der Juden in Deutschland schien eine Spur zu sein. Der Auschwitz-Überlebende, der deutsch-polnische Historiker Joseph Wulf hatte mit Sylvanus korrespondiert. Sollte der „Pionier der Holocaustforschung in der Bundesrepublik“, der eines der ersten Bücher über das Warschauer Ghetto verfasst hatte, bei „Korczak und die Kinder“ geholfen haben? Nach einer Überprüfung unseres Anliegens durch die Erben haben wir Einsicht in die Briefe. Den Menschen, der beim Theaterstück beriet, fanden wir in Joseph Wulf nicht. Aber einen engagierten Journalisten, der ausführliche biographische Informationen erbat und auch erhielt. So haben wir ein interessantes Selbstzeugnis von Erwin Sylvanus, an dem aber Zweifel angebracht sind.

Am 19.10.1958 schreibt Joseph Wulf als Korrespondent der israelischen Tageszeitung „DAVAR“  an Erwin Sylvanus. Seine Bücher zum Dritten Reich werde Sylvanus vermutlich kennen, heißt es. Seine letzte Studie „Vom Leben, Kampf und Tod im Ghetto Warschau“ lasse er ihm zukommen. Im Mittelpunkt aber stehen Fragen an den Schriftsteller, die sich um sein Verhältnis zum Nationalsozialismus drehen und die Sylvanus ausführlich beantwortet. Eine Frage und ihre Antwort dokumentieren wir hier:

Joseph Wulf: Wie und mit welchen Gefühlen haben Sie das Dritte Reich hinter sich gebracht?

Erwin Sylvanus: „1933 gehörte ich einer evangelischen Jugendorganisation an, welche 1934 in die Hitlerjugend überführt wurde (gleichgeschaltet, wie man damals sagte). Zunächst beteiligte ich mich gern an all dem, was man uns Jungen bot, erwarb auch 1936 als Hitlerjunge und Primaner das SA-Sportabzeichen und meldete mich freiwillig zum Arbeits- und Wehrdienst. Nach der Entlassung mit einer schweren Dienstbeschädigung erste schriftstellerische Versuche im Schatten derer, die man uns damals als Dichter pries. Beeinflusst vor allem von Knut Hamsun.  Während meiner Lazarettzeit habe ich Hellmuth Fischbach als Freund gewonnen, der mich zuerst mit verbotener und unerwünschter Literatur bekannt gemacht, vor allem mit Thomas Mann. … Weiteren schriftstellerischen Versuchen von mir wurde die Druckgenehmigung verweigert, etwa mit der Begründung, eine Erzählung von mir sei „die Verzerrung des gesunden und kraftvollen Bauerntums, wie wir es gerade nicht wünschen.“ Hinzu kamen begeisternde Begegnungen mit „entarteter Kunst“. So kam der ab Anstoß zur Abkehr von den falschen Idealen eigentlich von der Kunst und Literatur her. Dann folgte das Erschrecken über den Ton von Presse und Rundfunk .…“

Erwin Sylvanus stellt sich als jemand dar, der bereits vor 1945 auf Distanz zum NS-Regime ging. An dieser Darstellung sind Zweifel angebracht. Oder anders formuliert: Es kann sich allenfalls um eine innere Distanz gehandelt haben, die kein Außenstehender bemerkte. In seinem Tun war Erwin Sylvanus ein Verfechter der NS-Ideologie. Als Journalist stellte er sich in den Dienst der Machthaber. Er schrieb insbesondere über zeitgenössische Künstler in Soest und ordnete die Kunst ganz den Interessen des nationalsozialistischen Staates, des „deutschen Volkstums“ und der Kriegsverherrlichung unter. Er kämpfte verbissen um die Veröffentlichung seiner eigenen Werke. Bei zwei von ihnen gelang es ihm. 1941 trat er in die NSDAP ein. Distanz zum NS-Regime ist nicht erkennbar.

Joseph Wulf

„Ich habe hier 18 Bücher über das Dritte Reich veröffentlicht, und das alles hatte keine Wirkung. Du kannst Dich bei den Deutschen totdokumentieren, es kann in Bonn die demokratischste Regierung sein – und die Massenmörder gehen frei herum, haben ihr Häuschen und züchten Blumen.“ Dies schrieb Joseph Wulf 1974 zwei Monate vor seinem Selbstmord. Der mutige Historiker scheute sich nicht, die „Diener des Dritten Reiches“ bei ihrem Namen zu nenen. Hier findet ihr einen biographischen Text über ihn.

http://www.hagalil.com/2012/12/wulf/

Das BBC-Drama „Dr. Korczak and the Children“ (1962)

Wir begeben uns auf die Suche nach Freunden von Erwin Sylvanus. Ein Freund in England, so hat der Schriftsteller Christoph Meckel im August geschrieben, war wohl der ihm nächste Mensch, „aber ich habe weder Namen und Adresse.“  Bei der Recherche finden wir zwar den Freund (noch) nicht. Wir finden aber „one oft he most unusual and compelling television plays of the 1960s“ – das Fernsehdrama „Dr. Korczak and the Children“, das nach dem Bühnenstück von Erwin Sylvanus 1962 von der BBC produziert und gesendet wurde.

Für die Webseite „British Television Drama“ hat Oliver Wake eine ausführliche Besprechung des Studiostücks verfasst. Es handele sich um eine ganz ungewöhnliche Inszenierung, die vom Publikum mit gemischten Gefühlen aufgenommen worden sei. Das Drama „Dr. Korczak and the Children“ war kein großer Publikumserfolg. Der Zuschaueranteil lag noch unter den Anteilen, die BBC-Fernsehspiele normalerweise erhielten. Mancher Zuschauer war dem Angebot des Sprechers im Stück gefolgt und schaltete einen anderen Kanal ein. Für einige war das Stück zu langatmig oder die Erinnerung an die Kriegszeit war zu schmerzhaft, um es sich anzusehen. Die, die durchhielten, aber waren enthusiastisch. Und auch die Rezensionen waren positiv: das Stück sei „unerträglich bewegend“, hieß es in einer Besprechung.

Was war der Grund für diesen Erfolg? Für Oliver Wake glückte das einzigartige Experiment, das der Produzent und Regisseur Rudolph Cartier mit dem Studiostück wagte. Er verzichtete auf jeden Realismus, auf Bühnenbilder, Requisiten und Kostüme. Cartier selbst übersetzte das Stück ins Englische. Leider kann man sich das Fernsehstück heute nicht mehr anschauen. Aber wie man der Beschreibung von Oliver Wake entnehmen kann, hielt sich Cartier weitgehend an die Vorlage von Sylvanus. Auch in dem BBC-Drama werden die drei Schauspieler aus der Gegenwart in das Stück hineingezogen. Ein Kind verkörpert die 200 Waisenkinder. Der Sprecher kommentiert das Geschehen.

Und wie passte der Regisseur das Stück einem nicht-deutschen Publikum an? Durch einen witzig gemeinten Hinweis: „Look at me, another Nazi“, lässt er den Schauspieler des deutschen Offiziers sagen. Anton Diffring war in Großbritannien durch Nazi-Rollen in Funk und Fernsehen bekannt geworden. Der Regisseur stellte die Verbindung her zu den vielen Anti-Nazifilmen, die das englische Publikum kannte.

Auf der Suche nach dem Menschen, der ihm am nächsten stand, fällt uns eines auf: Erwin Sylvanus konnte sich mit fast allen am Film beteiligten auf Deutsch verständigen. Nur einer und zwar der junge Bruce Prochnik, Darsteller des Kindes, war gebürtiger Brite. Sowohl der Regisseur Rudolph Cartier, wie der Sprecher Albert Lieven, der Darsteller des Korczak Joseph Furst, die Schauspielerin Petra Peters hatten einen deutschsprachigen Hintergrund. Sei es, dass sie aus Österreich oder Deutschland vor den Nazis geflohen waren – sei es, dass sie später ihrem Partner ins Ausland folgten. Sie wählten für die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus im Film das Theaterstück von Erwin Sylvanus. Und diese Wahl geschah bestimmt mit Überlegung.

 

 

Eine Schlüsselszene

III. Szene

Zweiter Schauspieler: Ja. Nun bin ich also Janus Korczak. Arzt. Kinderarzt, genauer gesagt. In der Sliskastraße wohne ich. In Warschau. Jedermann hier kennt mein Waisenhaus für jüdische Kinder. Ich bin ein polnischer Jude – oder bin ich ein jüdischer Pole?

(Erster Schauspieler und Schauspielerin setzen sich auf die beiden Stühle im Hintergrund und hören zu. Erster Schauspieler wendet sich ab.)

Sprecher: Eine gar nicht so leichte Frage ist das. Oder auch: eigentlich ist es gar keine Frage. Wenn ich sage, du bist ein Jude, so ist etwas ganz anderes gemeint, als wenn ich sage, du bist ein Pole.

Zweiter Schauspieler: Wir sprechen aber von mir, von Janus Korczak und, einem einzigen und einigen Menschen.

Sprecher: Du weißt selbst, wie es sich verhält.

Zweiter Schauspieler: Darum ist es so schwer, davon zu sprechen. Das Wissen macht stumm. Wir Juden sind so stumm – so überaus stumm sind wir –, weil wir wissen: den einen, Gott. Wir missionieren nicht, wir überreden nicht. Wir leben im Wissen und tun dieses Wissen; denn wir haben das Gesetz. Was schmäht man und verachtet uns? Es ist unsere Sache. Wir geben nicht auf, zu wissen und gehorsam zu sein. Unsere Kraft aber ist kein Geheimnis.

Sprecher: Du bist auch ein Pole.

Zweiter Schauspieler: Ich bin es gern. Ich liebe dieses arme Land, das so reich ist an Gefühl und Sehnsucht. Dieses verachtete und nun schon wieder geteilte Land, das so stolz ist auf seine Lieder oder seine Vögel und auf seine Gewässer und auf seinen Frühling und auf seine Kinder, …. Ja, auf seine Kinder, die in Lumpen geboren werden und für die ich da bin.

Sprecher: Du bist nicht in Lumpen geboren!?

Zweiter Schauspieler: Warum fragst du so umständlich? Ich habe nicht viel Zeit. Meine Kinder warten auf mich.

Sprecher: Und der Tod.

Zweiter Schauspieler: Du verwirrst mich nicht. Meine Kinder warten. Mit kurzen [wenigen] Worten will ich Dir aber Auskunft geben, Dir und auch Euch (hat sich dem ersten Schauspieler und der Schauspielerin zugewandt) und auch Ihnen (in den Zuschauerraum).

Ich bin der Sohn eines Rechtsanwaltes, und ich war 11 Jahre alt, als er schwer erkrankte. Vaters Leiden – fast unmerkbar zunächst schlug es ihn, bis es zu schrecken begann. Es war von der Art, die mich bestimmte, kinderlos zu bleiben. Er wusste nicht mehr, was er tat, und tat, was er nicht wusste.

Not nistete sich nun als täglicher Gast bei uns ein. Doch davon kann man nicht erzählen.

Erzählen lasst mich aber von der Uhr, die mein Vater trug, eine kleine vergoldete Uhr. Der Mutter und uns Kindern verblieb sie als liebes Andenken, als er von uns ging: in einem Anstaltsbett starb er. Niemand von uns war zugegen.

Die Gedenkkerze brannte jeden Abend für den Vater, aber auch das Ticken der Uhr bedeutete uns viel. Als wieder einmal kein Brot im Haus war, brachte die Mutter die Uhr zum Trödler. Der legte sie in sein Schaufenster.

(Zum Sprecher) Bitte, nehmen Sie diese Uhr. Ich löse sie ja wieder ein. Bitte, bewahren Sie diese Uhr für eine ganz kurze Zeit, gut – für einige Tage nur.

(Die folgenden Bewegungen mit der Uhr werden nur markiert: er gibt dem Sprecher seine Uhr, die er aus seiner Tasche geholt hat.)

Nun müssen Sie ein wenig zurücktreten und die Uhr in der Hand halten. Ich sagte ja schon: der Trödler legte sie in sein Schaufenster, ein engbrüstiges und nicht ganz sauberes Fenster, vollgepfropft mit merkwürdigen und traurigen Dingen. Jeden Tag sahen wir dort die Uhr. Dort lag sie, die Uhr meines Vaters, eine kleine, vergoldete Uhr. (Er blickt angestrengt und nah auf die Uhr in der Hand des Sprechers.)

Damals geschah es, dass ich mein Leben begriff und ein Handelnder wurde. Ich war ein Kind und begriff es. Ich machte Botengänge und verdiente wenig durch geringe Dienste. Meine Geschwister taten alles nach, was sie an mir sahen. Wir redeten nicht darüber.

Schauspielerin: Ich denke, Sie sprechen von einer großen geistigen Entscheidung Ihres Lebens.

Zweiter Schauspieler: Lassen Sie mir Zeit. Ich habe ja noch nicht zu Ende gesprochen.

Schauspielerin: Sie sagten ….

Zweiter Schauspieler: (heftig) Ich sagte, dass ich an jedem Tage die Uhr meines Vaters sehen musste, die kleine vergoldete Uhr in dem Trödlerladen (weist auf die Uhr in der Hand des Sprechers). Das sagte ich. Und wir Kinder hungerten und sparten heimlich, um die Uhr zurückkaufen zu können. Die gehörte der Mutter und uns, nicht dem Trödler. (Der Sprecher bringt dem ersten Schauspieler die Uhr, bleibt hinter dem ersten Schauspieler und der Schauspielerin, die auf den Stühlen sitzen, stehen. Der erste Schauspieler steckt die Uhr in die Hosentasche, als sei sie seine eigene Uhr). Als wir das Geld beisammen hatten, gingen wir vor den Laden. Die Uhr war fort. (Während dieser Worte hat er die Stelle gesucht, da der Sprecher zuvor stand.) Verstört trat ich ein, ordnete das Geld auf dem Tisch und forderte die Uhr. Sie war am Morgen verkauft, am Morgen, der diesem Mittag voranging. Das meinte ich, wenn ich sagte, dass ich das Leben begriff.

Schauspielerin: Sie haben geweint?

Zweiter Schauspieler: Ich habe begriffen.… und den Entschluss gepriesen, der uns das Geld sammeln ließ. Dennoch blieb eine Unruhe in mir, und ich suchte unseren Rabbi auf. Er war weise und geschickt, die Schrift auszulegen. (Der erste Schauspieler hat die Uhr wieder aus der Tasche genommen, sie während der letzten erzählenden Worte des zweiten Schauspielers sorgfältig, aber an dem Bericht anscheinend uninteressiert, betrachtet. Nun gibt er sie mit einigen geflüsterten Erklärungen der Schauspielerin, die ein wenig zornig nach ihr greift und sich dann schroff von dem ersten Schauspieler abwendet).

Er saß versunken und betrachtete das Gelesene. Kaum blickte er auf, aber er hörte zu. Er hörte gut zu. Er antwortete: Du suchst die kleine, vergoldete Uhr deines Vaters. (Der Sprecher lässt sich von der Schauspielerin die Uhr zurückgeben und geht an seinen Platz an der Vorderbühne zurück.) Nimm meine Uhr. Nimm. Ich habe sie von meinem Vater. (Der zweite Schauspieler nimmt die Uhr aus der Hand des Sprechers zurück, hält sie aber noch abwehrend von sich.) Ihr habt nun selbst keine Uhr mehr, Rabbi, fragte ich. Da wurde er zornig und verwies mich des Raumes. Ich kam wieder. Ich kam immer wieder. Denn ich wusste, weshalb er so zornig geworden war, und bat ihn um Verzeihung. (Setzt sich.)

Sprecher: Ich begreife ihn nicht. (Zur Schauspielerin und dem ersten Schauspieler) Begreifen Sie ihn?

Erster Schauspieler: Nein. Das ist mir zu hoch.

Schauspielerin: Vielleicht ist es so, dass der Rabbi zeigen wollte, welch geringer Wert einer kleinen vergoldeten Uhr zukommt, wenn es um die heiligen Bücher der Juden geht.

Zweiter Schauspieler: Es mag sein, dass nur ein Jude das Wesentliche dieses Vorfalls zu erkennen und zu deuten vermag. Ich sage das ohne Überheblichkeit. Es mag sein, der Rabbi sah einzig die Wahrheit. Wegen der Uhr war ich gekommen. Aber ich saß nun vor dem Gesetz. Ich hatte wieder eine goldene Uhr. Die Uhr meines Vaters war sie nicht – und doch war sie die Uhr unseres Vaters. Er liebte sie gewiss ein wenig. Auch ein Jude liebt ja die Dinge. In dieser Stunde musste er sich von der Uhr trennen. (Er besieht sich noch einmal die Uhr.) Sonst hätte er gelogen. Sonst hätte er mich belogen. Wer Gott weiß, lügt nicht. Und er war zornig, weil ich ihn der Lüge zieh. Deshalb musste er zornig sein. Auch heißt es in der Schrift: du sollst Dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen. Die Uhr war uns zum Gleichnis geworden und mehr. (Während der letzten Worte hat der zweite Schauspieler die Uhr wieder – markierend – in die Tasche gesteckt.)

Sprecher: Nun weiß ich, weshalb Sie dies berichtet haben. (Während der folgenden Worte des zweiten Schauspielers geht er wieder in die Mitte der Vorderbühne.)

Zweiter Schauspieler: Damals nahm ich mir vor, dem Rabbi nachzueifern. Niemals zornig zu werden über menschliche Schwächen. Aber zu wüten, wenn mich jemand zum Lügner machen will. So habe ich es gehalten.

Erster Schauspieler: (erhebt sich und kommt wieder nach vorn) Dies Stück ist mir zu edel. Das heißt auch: pervers. Ich kenne meinen Kollegen …… ja nicht wieder. Er redet, als habe er höchst selbst die Wahrheit erfunden.

Sprecher: Er versucht, die Strukturen der Wahrheit aufzudecken. Er bleibt Ihr Kollege, und doch hören Sie Janus Korczak. Sie… und wir….

Erster Schauspieler: Ich hörte den Schauspieler….

Zweiter Schauspieler: Sie beleidigen mich nicht. Sie sind misstrauisch, weil ich nicht lüge – wie der Rabbi nicht log.

Schauspielerin: Nun macht schon weiter! (Sie springt auf.) Jetzt interessiert es mich. (Der erste Schauspieler will sich widersetzen. Schauspielerin dreht ihm jedoch den Stuhl um. Schauspielerin und Sprecher gehen auf den ersten Schauspieler zu. Zweiter Schauspieler bleibt in Gedanken sitzen. Schauspielerin zum ersten Schauspieler:) Sprechen Sie, Sie hoher Offizier. Ich möchte wissen, was für eine Uniform sie tragen. Das möchte ich zunächst wissen.

 

… nicht zu viel hinter einzelnen biblischen und jüdischen Motiven vermuten, jedenfalls nichts hineingeheimnissen …

Wichtige Passagen des Theaterstücks „Korczak und die Kinder“ beziehen sich auf jüdische Religiosität. Insbesondere in der III. Szene wird  Janus Korczak als Mensch jüdischen Glaubens gezeichnet. Sein Kampf gegen die Lüge wird mit seinem Glauben verknüpft.

Wir haben Professor Becker von der Theologischen Fakultät der Universität Göttingen gefragt, wie er das Verständnis des Judentums bei Sylvanus einschätzt. Wir geben hier seine Email vom 05.10.2017 auszugsweise und mit Fragen versehen wieder. Erwin Sylvanus scheint eher christlich denn jüdisch zu argumentieren – so lässt sich die Einschätzung zusammenfassen.

Im Theaterstück wird verschiedentlich auf jüdische Religiosität Bezug genommen. Hat sich Sylvanus intensiv mit dem Judentum auseinandergesetzt?

Prof. Becker: Ich habe insgesamt nicht den Eindruck gewonnen, als habe hier jemand aus einer vertieften Kenntnis des Judentums herausgeschrieben. Der Zaddik, der Rabbi sind als jüdische Charaktere nicht lebendig gezeichnet – sie erscheinen eher schematisch als Symbole für Frömmigkeit bzw. „das Gesetz“. Bei letzterem scheint mir eher Kafkas Legende „Vor dem Gesetz“ und ihre Auslegung im Zusammenhang des Prozess-Romans („Die Lüge wird zur Weltordnung gemacht“) im Hintergrund zu stehen.

Hat das Verbot zu lügen eine besondere Bedeutung im Judentum?

Prof. Becker: Es gehört nicht zu den Hauptaufgaben eines Rabbis, jemanden zu lehren, nicht zu lügen. Dieses Gebot ist eines neben anderen. Im Stück wird überdies nicht klar, worin die mögliche „Lüge“ des Rabbi bestanden haben könnte. Dass nur ein Jude das verstehen können soll, erscheint mir als eine fast ärgerliche Mystifikation des Judentums.

Warum der Rabbi meint, er würde der Lüge bezichtigt, bleibt im Stück selbst unklar. Wenn Sie die spätere Rowohlt-Fassung dazu vergleichen, können Sie sehen, dass der Autor auch nicht zufrieden war: Der 2. Schauspieler muss dort noch das biblische Verbot der Bilderverehrung zitieren und sagen: „Die Uhr war uns zum Gleichnis geworden…“ Das macht es aber auch nicht besser.

Was ist dann der religiöse Hintergrund des Stückes?

Wo Sylvanus spezifisch jüdische Sätze aufnimmt, wirkt es weder organisch, noch so, als käme es aus einem reicheren jüdischen Erfahrungs- oder Wissensschatz … Die religiösen Deutungskategorien im Stück sind nicht spezifisch jüdisch, sondern biblisch: Verheißung an Abraham, Durchzug durchs Schilfmeer, Erweckung der Totengebeine. Wenn der Autor trotz der Aufnahme dieser zentralen biblischen Interpretamente des Geschehens dennoch der Meinung Ausdruck gibt, „Wahrheit“ gebe es nur jenseits der Religion (und Rasse und Nation), so erscheint mir das intellektuell inkonsistent.

In diesem Zusammenhang finde ich übrigens die schnodderige moralische Verunglimpfung der Kirche in Gestalt des Pastors unsäglich. Die Mitglieder der Bekennenden Kirche, und nicht nur sie, haben in den letzten Jahren des „Dritten Reichs“ Verfolgung und Tod auf sich genommen; etwas, das sich der Autor selbst offenbar erspart hat.

Ich würde also nicht zu viel hinter einzelnen biblischen und jüdischen Motiven vermuten, jedenfalls nichts hineingeheimnissen.  …

Der Schluss mit dem Abschnitt aus dem Hesekielbuch ist sicher ein Hinweis auf den Staat Israel, der damit als Erfüllung der Abrahamsverheißung gesehen wird. Allerdings, möchte man dem Autor entgegenhalten, sind die individuellen Toten von Treblinka keineswegs wieder auferstanden.

Wir danken Professor Becker für seine Unterstützung!

Szenische Lesung von „Korczak und die Kinder“

Andernorts wird „Korczak und die Kinder“ inszeniert. Hier ein Beispiel aus Lüdenscheid. Zum Jahrestag der Befreiung des Vernichtunglagers Auschwitz wurde das Theaterstück im Januar 2017 in einer szenischen Lesung aufgeführt. Die Reaktionen des Publikums waren vergleichbar mit denen in Göttingen 1958.Szenische Lesung von „Korczak und die Kinder“

Erwin Sylvanus und Heinz Hilpert

1961 erscheint das Quadrat-Buch „Heinz Hilpert. Das Theater ein Leben.“ Eine Hommage an den Intendanten des Deutschen Theaters in Göttingen. Zu Wort kommt er selbst. Und der Dank von einigen Menschen, die ihn begleiteten. Darunter auch Erwin Sylvanus. Hier der kurze Text:

„Wir sprachen über die Urmythen der Völker. Hilpert hat bekannt, wie sehr er in der Jugend von den Helden Homers beeindruckt gewesen sei. Er habe sich Odysseus zum Lieblingshelden erwählt. Mit Siegfried habe er hingegen kaum etwas anfangen können. Auch heute noch fühle er sich von Odysseus sehr viel stärker angezogen und fasziniert.
Bislang glaubte ich, Hilpert zu verehren wie einen Vater. Mir wurde blitzschnell klar, dass ich in ihm immer den großen Dulder und Wisser verehrt habe, den listenreichen Menschen einer unendlichen Heimfahrt, den Einsamen auch, der für seine Gefährten täglich neue Verzauberung und Wunder sieht und erfindet, der für sie Gefahren besteht – und niemand erreicht ihn je durch Tat oder Gedanken. Er blickt tiefer, versteht eher als sie alle. Ich muss an das Bild des von seinen Gefährten gefesselten Odysseus denken, wie er vom Gesang der Sirenen betört wird. Ohne Odysseus würden die Gefährten niemals heimkehren. Aber auch Odysseus könnte das wundersame Wagnis der Heimkehr ohne sie nicht bestehen.
Erwin Sylvanus“

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