Rainer Marie Rilke, Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Rilke

Als Mahl beganns. Und ist ein Fest geworden, kaum weiß man wie. Die hohen Flammen flackten, die Stimmen schwirrten, wirre Lieder klirrten aus Glas und Glanz, und endlich aus den reifgewordenen Takten: entsprang der Tanz. Und alle riß er hin. Das war ein Wellenschlagen in den Sälen, ein Sich-Begegnen und ein Sich-Erwählen, ein Abschiednehmen und ein Wiederfinden, ein Glanzgenießen und ein Lichterblinden und ein Sich-Wiegen in den Sommerwinden, die in den Kleidern warmer Frauen sind.

Aus dunklem Wein und tausend Rosen rinnt die Stunde
rauschend in den Traum der Nacht.

Interview mit Friedrich Kröhnke

In der Novelle „Die Weise von Liebe und Tod“ portraitierte der Schriftsteller Friedrich Kröhnke den alternden, erblindenden Sylvanus. Wir haben uns hier schon mit der Erzählung beschäftigt.

Der Berliner Autor hat nun drei Fragen für uns beantwortet.

Herr Kröhnke, in Ihrer Erzählung „Die Weise von Liebe und Tod“ zeichnen Sie das Bild eines alten, erblindenden Schriftstellers, der einsam nur noch immergleiche Monologe halten kann. Er wohnt in einem klammen, feuchten Hause. Er hat Geld, aber er weiß nicht, damit gut zu leben. Er braucht Hilfe, aber er kann sie nicht annehmen. Es ist Erwin Sylvanus. Wie viel Wirklichkeit steckt in Ihrer Erzählung?

Friedrich Kröhnke: Ich habe ihn erlebt, ich habe das erlebt. Wenn meine Erzählung auch gestaltet ist, kunstvoll, wie Literatur sein soll – und ich mag den Text von 1988 heute noch sehr, und andere schätzen ihn, und sogar ein Stipendium des Landes NRW habe ich als junger Autor damals für ihn bekommen – so trifft doch zugleich zu, dass jedes Detail und jede einzelne Äußerung und Schrulle des „Fabrizius“ in meiner Geschichte ganz genau so von Sylvanus, als ich bei ihm war, getan und gesagt worden ist. Übrigens konnte ich ihm auch Respekt nicht versagen! Alt, wie er war, war er auch Bürgerschreck, ein Radikaler.

Frage: Sie sind dem alten Sylvanus also wirklich begegnet. Warum konnten Sie nicht bei ihm bleiben?

Friedrich Kröhnke: Erwin Sylvanus suchte eine Art Sekretär und Reisebegleiter – die Kunde gelangte über die Dichterin Dagmar Nick zu mir. Anscheinend sollte der Sekretär und Reisebegleiter zugleich ein (wenn auch vielleicht eher „platonisch“) ein strahlender junger Geliebter sein: dafür war ich damals eine Fehlbesetzung.

Man muss auch sehen, dass wir einander, auch wenn jene Tage und Nächte bei ihm so starke Eindrücke boten, nur ein einziges Mal begegnet sind. Er rief zwar noch zweimal an, erreichte aber nur meine Freundin Sylvia. Von seinem Tod wenig später erfuhr ich aus dem Radio. Beerbt hat ihn der Schriftsteller Friedel Thiekötter.

Frage: „Die Weise von Liebe und Tod“ – warum haben Sie der Erzählung einen Titel gegeben, der an die berühmte Novelle von Rainer Maria Rilke erinnert?
Friedrich Kröhnke: Sylvanus oder ich benutzten den Ausdruck (gewiss: Rilke zitierend) im Gespräch über seine Idee, noch ein Stück zu schreiben, ein Stück über AIDS. Im Rückblick fand ich in diesen Wörtern „Weise von Liebe und Tod“ viel vom Wesen unserer vergeblichen Begegnung.

„Eine neue Weise von Liebe und Tod“ hatten wir damals gesagt. Und für die Neuausgabe der Novelle habe ich Bernhard Albers vom Rimbaud Verlag den leicht veränderten Titel vorgeschlagen: „Neue Weise von Liebe und Tod“. Er wollte aber nichts davon wissen, da mein Text ja in seiner früheren Ausgabe (in dem Erzählungenband „Knabenkönig mit halber Stelle“) schon seit 1988 in der Welt war.

Sylvanus in Prag

Das Foto zeigt Erwin Sylvanus auf dem Jüdischen Friedhof in Prag. Sylvanus liebte Prag. „[Prag] ist ein Ort, an dem sich geradezu traumhaft zeigt, wie alle Jahrhunderte dort noch ihre Spuren, ihre Bauten, ihre Trachten und Sitten aufzuweisen haben. Das ist die Stadt, wo das Bild der Gleichzeitigkeit aller Epochen verwirklicht ist wie nirgends sonst..“ sagte er in einem Interview, das 1963 erschien. Im gleichen Jahr wurde der Fernsehfilm „Kafka und Prag“ ausgestrahlt. Das Drehbuch schrieb Erwin Sylvanus. Zeigen wollte er, wie der Prager Dichter Kafka „aus der labyrinthischen Vielschichtigkeit der „goldenen Stadt“ zu verstehen sei.

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Drei Fragen an Dorothea Mummendey

Wer war Erwin Sylvanus? „In einem Menschen stecken viele Möglichkeiten,“ so betitelte Dorothea Potthoff 1998 ihren Text über Erwin Sylvanus (in: Vergänglich und unsterblich zwischen Rhein und Weser, 1998). Wir haben am 29.09.2017 hier über ihre dichte Beschreibung berichtet. Jetzt haben wir die Autorin gefunden, die heute Dorothea Mummendey heißt. Sie war bereit, drei Fragen zu Erwin Sylvanus zu beantworten.

Für Ihren Aufsatz konnten Sie 1998 noch mit Menschen sprechen, die Erwin Sylvanus gut gekannt haben. Welchen Eindruck haben sie von ihm vermittelt?

Für mein Buch „Vergänglich und unsterblich zwischen Rhein und Weser“ bzw für den Artikel über Sylvanus habe ich 1998 den Nachbarn Arthur Dell und Sylvanus´ Erben Friedel Thiekötter getroffen. Die beiden erzählten mir von aufregenden Begebenheiten, wenn zum Beispiel im verschlafenen Völlinghausen in der Nachkriegszeit auf einmal große, schicke Autos auftauchten und viele deutsche Schriftsteller und Verleger dort in Sylvanus´ Haus ein und aus gingen. Sicherlich hat er dort das Leben bunter gemacht (nicht nur aufgrund seiner Homosexualität). Auf der anderen Seite erfuhr ich auch, daß der Autor ein recht egozentrischer, launischer, zeitweise verschwenderischer Mensch gewesen sein muß. Leicht war es sicherlich nicht mit ihm.

Im Nationalsozialismus war Erwin Sylvanus weder Täter, noch Opfer, hatte aber eine starke Nähe zur NS-Kulturpolitik. Wie würden Sie sein Verhältnis zum NS beschreiben? Wie kam es zu seiner „Kehrtwende“ in den 50er Jahren?

Erwin Sylvanus war als junger Mann bereit, seine schriftstellerische Tätigkeit in den Dienst der Nationalsozialisten zu stellen. Er wollte quasi um jeden Preis veröffentlichen. Heraus kam völkische Literatur, Blut-und-Boden-Dichtung. In einer Zeit, in der immer weniger Autoren/Journalisten vom NS-Regime akzeptiert wurden, war diese Art des Schreibens die einzige Möglichkeit in Deutschland zu publizieren. Er mußte literarisch angepaßt, opportun sein.
Von diesem Zwang sah er sich nach dem Krieg befreit.

Wo liegen aus Ihrer Sicht die Gründe für den Erfolg von „Korczak und die Kinder“?
Ich denke, daß „Korczak und die Kinder“ ein zeitloses Stück ist, es erinnert, es mahnt. Das Wichtigste ist aber, dass es auch die mögliche Größe eines Menschen zeigt. Größe inmitten der unendlichen Grausamkeit. Damit ist der Arzt Korczak mehr als ein Held (so wie im klassischen Drama). Es ist die von ihm verkörperte unzerstörbare Menschlichkeit, die berührt.

Neues Literaturkontor

Dorothea Mummendey hat das Lektrorat im Neuen Literaturkontor in Münster. Hier wurden unter anderem die Werke des 2011 verstorbenen Friedel Thiekötter verlegt. Er war mit Erwin Slvanus eng befreundet.

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neues-literaturkontor.de

Erwin Sylvanus und die „Junge Kunst“ in Soest. Drei Fragen an Hans Jürgen Hoeck

Wer sich heute mit Erwin Sylvanus beschäftigt, kommt an den Veröffentlichungen von Hans Jürgen Hoeck nicht vorbei. In seinen Untersuchungen zur Soester Kunst in den 30er und 40er Jahren zeigt der Autor, wie das künstlerische Milieu der westfälischen Kleinstadt vom Nationalsozialismus geprägt wurde. In dieser Gemengelage von Kunst und NS-Kulturpolitik versuchte Sylvanus, als Journalist Fuß zu fassen. Hans Jürgen Hoeck hat sich für ein Interview zur Verfügung gestellt.

Sie haben eine detaillierte Recherche über den Soester Kunstring vorgelegt. Was war Ihre Motivation für diese quellenorientierte Arbeit?

Von 2001 bis 2012 hatte ich in zahlreichen Archiven (Norderney, Schwelm, Wuppertal, Soest, Bochum, Dortmund und zuletzt wieder Soest), auch mit erheblichen finanziellen Auslagen verbunden, einige tausend Seiten an relevantem Material gesammelt, geordnet und computergerecht aufgearbeitet. Anfänglich schwerpunktmäßig zu dem Maler Vollrath Hoeck, aber im Zusammenhang damit aus Interesse auch zu anderen „Soester“ Künstlern, die ich zu einem großen Teil während meiner Kindheit und Schulzeit in Soest persönlich erlebt hatte.

Es ergab sich selbstverständlich die Frage, dieses Material und das damit verbundene Wissen in den Aktenschränken verschwinden zu lassen oder es bestmöglich zu nutzen. Da es aus meiner Sicht wenig wahrscheinlich schien, dass sich jemand nach dem Tod des ehemaligen Soester Stadtarchivars Dr. Köhn detailliert und wissenschaftlich fundiert mit dem Kunstring auseinander setzen würde, entschloss ich mich, das Thema selber zu bearbeiten. Das war auch eine nicht geringe Geduldsprobe für meine Frau.

„War der Soester Kunstring ein Unterstützungsinstrument für Künstler oder diente er vorrangig der Durchsetzung nationalsozialistischer Kunstpolitik?“

Die Zielsetzungen „Unterstützungsinstrument“ und „Durchsetzung nationalsozialistischer Politik“ sind untrennbar miteinander verbunden.

Den politischen Anstoß für die Gründung des Kunstrings gab die NS-Kulturgemeinde, Ortsverband Soest, die auch später die Kontrolle ausübte. Zur Gründungsversammlung eingeladen wurden sieben „Soester“ Künstler. Die folgenden Aufgaben wurden herausgestellt: 1. Heranführung breitester Kreise, insbesondere der Jugend, an die bildende Kunst. 2. Schaffung einer wirksamen Hilfe für ortsansässige Künstler.

Diese Entwicklung folgte den reichsweiten Vorgaben durch die NSDAP und dem Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda. Auch wenn es zwischen diesen Institutionen wiederholt heftiges Kompetenzgerangel gab, unbestrittenes Ziel war es, die Kultur und damit auch die bildenden Künste als ein staatliches Instrument den Zielen des nationalsozialistischen Staates dienend unterzuordnen.

 Welche Rolle spielte Erwin Sylvanus in den Soester Kunstkreisen?

Die Rolle von Erwin Sylvanus und sein Verhältnis zur bildenden Kunst in Soest ist sehr widersprüchlich und zeugt von einem deutlichen Bruch in seinen erkennbaren Einstellungen. Möglicherweise lässt sich das mit einem Bestreben erklären, sich den jeweiligen politischen Verhältnissen zum eigenen Nutzen anzupassen.

  1. S. betätigte sich als junger Journalist, wie es Dr. Goebbels forderte, als Kunstberichterstatter, also dezidiert nicht als Kunstkritiker. So berichtete er auch über die NS zensierten Kunstausstellungen in Soest und förderte und festigte mit der Herausstellung der gezeigten Kunst und Künstler das Kunstverständnis der Zeitungsleser im nationalsozialistischen Sinn. Zu Kriegszeiten wurde er von Kunstringmitgliedern zu formlosen Zusammenkünften und Atelierbesichtigungen eingeladen.

Bereits 1945, und bald nach dem Ende des zweiten Weltkriegs, las er aus eigenen Werken vor einem größeren Kreis früherer Mitglieder des NS Kunstrings, Kunstfreunden, Kulturträgern und Politikern. Im Dezember wurde er zu der zehnjährigen „Jubiläumsausstellung“ des Kunstrings eingeladen und teilt diese Rolle mit allen, die Rang und Namen hatten, einschließlich der Repräsentanten der Militärregierung. 1946 wurde er Mitglied des Kunstrings, der nun auch Architekten und Schriftsteller aufnahm. E. S. wurde in den Vorstand gewählt. Wegen seiner journalistischen Arbeit im NS Staat untersagten die zuständigen Behörden diese Tätigkeit. E. S. las im Rahmen des Kunstrings aber weiterhin aus eigenen Werken. 1950 sollte ihm der „Ehrenpinsel“ des Kunstrings überreicht werden. Im gleichen Jahr wollte E. S. zu einem Interview mit Emil Nolde nach Seebüll reisen, der aus Zeitgründen aber ablehnte. 1953 trat Erwin Sylvanus anlässlich einer Soester Kunstausstellung als Fürsprecher von während der NS Zeit als „entartet“ bezeichneter Kunst auf. Dieser Bruch mit seinen früher vertretenen Positionen konnte bisher für mich nicht überzeugend erklärt werden. Mitte 1956 wird er nicht mehr als Mitglied des Soester Kunstrings geführt. Ende des Jahres übte er heftige Kritik an einer Kunstringausstellung. Diese löste auf Seiten des Kunstrings wiederum heftige Kritik an Erwin Sylvanus aus. Damit war das bis dahin enge Verhältnis zum Soester Kunstring beendet.

Hier ein Bericht über „Kunstpolitik und Ausstellungspraxis im Nationalsozialismus – Zur Chronologie mit Beispielen für Westfalendas“ von Hans Jürgen Hoeck.

Sylvanus über Wilhelm Wulff

Wie ich im letzten Beitrag gezeigt habe, begann Erwin Sylvanus (1917-1985) seine Karriere im NS mit Berichten über Kunst. Seine Artikel erschienen auch in der Westfälischen Landeszeitung Rote Erde, der offiziellen Parteizeitung der NSDAP im südlichen Westfalen. Im Mittelpunkt stand die „Junge Soester Kunst“. Sie sollte einen respektablen Platz in der nationalsozialistischen „Deutschen Kunst“ erhalten. Für dieses Ziel scheute der „Kunstberichter“ Sylvanus keine Umdeutung, wie sein Beitrag über den Soester Künstler Wilhelm Wulff (1891 – 1980) aus dem Jahr 1941 deutlich macht.

Vorbild Wilhelm Morgner
Anlass des Sylvanus-Artikels ist der 50. Geburtstag des Soester Bildhauers Wilhelm Wulff. Dieser habe „die ersten Anregungen zur freien künstlerischen Selbstentfaltung“ von Wilhelm Morgner erhalten. Die „Junge Soester Kunst“ beginnt für Erwin Sylvanus mit dem Soester Maler Morgner. Das ist erstaunlich. Denn der 1891 geborene und im Ersten Weltkrieg gefallene Maler hätte 1941 zur „Entarteten Kunst“ gezählt. Morgner war einer der wichtigsten Vertreter des Expressionismus in Westfalen, und der Expressionismus galt den Nazis als undeutsch und kulturbolschewistisch.

Kunst in der Kleinstadt
Wulff war mit dem jungen Journalisten Sylvanus schon seit Jahren bekannt und befreundet. Bereits in den 30er Jahren hatte er ein „Porträt des Hitlerjungen-Barden Erwin Sylvanus“ (Hartung, Ein wilder Hund) geschaffen. 1953 heißt es im Tagebuch von Sylvanus: „Heute Mittag genau um 13:00 Uhr ist Wilhelm mit der Porträtplastik von mir fertig geworden. Eine ordentliche Arbeit, wie ich glaube. Deswegen freue ich mich, dass es sie fortan gibt.“ Die Terrakotta-Plastik ist heute noch im Museum Wilhelm Morgner in Soest vorhanden. Sie zeigt den damals 36jährigen Sylvanus mit der markant hohen Stirn. Die Freundschaft hatte die NS-Zeit überdauert, was im Übrigen für den gesamten Kreis des NS-Kunstrings galt, der noch lange Jahre regelmäßig zur Doppelkopfrunde zusammenkam (Hartung, Ein wilder Hund). In der Kleinstadt Soest blieb man beieinander.

Kunstbericht
Für Sylvanus ist es besonders die „Portraitkunst“ von Wulff und seine Darstellungen der Industriearbeiter, die ihn hervorheben. „Markante Persönlichkeiten des heimatlichen Raums“ habe er portraitiert. Nach dem Ersten Weltkrieg – also nach dem Tod von Wilhelm Morgner – habe sich das Werk von Wulf zu der „Größer und sicheren Ausgeglichenheit entwickelt, in der es heute dasteht. „Von den mannigfachen Kunstströmungen der Nachkriegszeit, von ihren verschiedenen Ismen blieb er unberührt,“ behauptet Sylvanus.

Ismen
Das Gegenteil war der Fall. Wie Stefanie Reboni zeigt, gab es tatsächlich fast keinen „Ismus“, den Wulff nicht ausprobierte (Stefanie Riboni, Wilhelm Wulff – ein Bildhauer aus Soest, 2010). Wulff entwickelte seinen Stil in direkter Auseinandersetzung mit den avantgardistischen Strömungen der 20er Jahre, mit dem Expressionismus, dem Kubismus und dem Konstruktivismus. In schneller und intensiver Rezeption und ständigem Wechsel übertrug der deren Formsprachen auf sein bevorzugtes Material Holz. Seine Arbeiten erinnern an die Werke von Picasso, des US-Amerikaners Archipenko und Schlemmer.

Naturalismus
Der naturalistischen Bildhauerei wendet sich Wilhelm Wulff erst Ende der 20er Jahre nach einem Aufenthalt in Paris zu. Dieser Wechsel war auch auf die Erfahrung zurückzuführen, dass sich mit realitätsnahen Portraits und Büsten eher Geld verdienen und eine Familie ernähren ließ als mit der avantgardistischen Kunst der Moderne. Das galt zumindest für die deutsche Provinz. Im NS-Staat gab es dann keine Alternative mehr zum vormodernen Naturalismus. Als Wulff nach 1945 versuchte, wieder an seine frühen Arbeiten anzuschließen, gelang ihm das nicht mehr.

Wirtschaftlicher Erfolg
Durchgängig von 1934 bis 1944 war Wilhelm Wulff im Soester Kunstring für die Zensur von Bildern mit verantwortlich (Hoeck, Kunstring, S.7). Das Engagement lohnte sich. Von 1933 bis 1944 war Wulff jedes Jahr an mindestens drei Ausstellungen beteiligt (Hoeck, Kunstpolitik, S.80). Dreimal war er an der Großen Deutschen Kunstausstellung in München, dem Flagschiff der NS-Kultur, vertreten. Neunmal konnte er seine Plastiken auf den Großen Westfälischen Kunstausstellungen zum Kauf anbieten. In jedem Jahr war er auf Ausstellungen in Soest präsent, manchmal mehrfach. Bei vielen Soester Ausstellungen hatte er die künstlerische Leitung inne. Die Stadt Soest unterstütze mit Ankäufen nicht nur den Ausbau seines Ateliers (Hoeck, Kunstring, S. 21), sondern kaufte immer wieder Kunstwerke von ihm für die städtische Sammlung. Bereits 1929 begann Wulff erfolgreich, Großindustrielle aus dem Ruhrgebiet zu portraitieren. Einer der ersten war Emil Kirdorf, aktiver Unterstützer von Adolf Hitler (Hoeck, S.294).
Das Arrangement mit dem Nationalsozialismus lohnte sich für Wulff. In den Nachkriegsjahren war er einer der wenigen Soester Künstler, die sowohl Haus wie Telefon besaßen (Hartung, Ein wilder Hund, S.71).

Der Kunstberichter
Die Kunstberichte von Erwin Sylvanus trugen dazu bei, dass sich die Soester Künstler als NS-konform etablieren konnten und auch über Soest hinaus bekannt wurden. Dabei zitiert er die NS-Ideologie als Versatzstücke. Sylvanus erscheint weniger als ein überzeugter Nationalsozialist, sondern mehr als ein opportunistischer Nationalsozialist, der in seinen Kunstberichten die besprochenen Maler in die „Deutsche Kunst“ einordnet. Erstaunlich ist, dass er sich dabei nicht scheut, von „freier künstlerischer Selbstentfaltung“ zu sprechen. Zeigt der aktive Mitläufer Sylvanus damit, dass es ihm mehr um die Kunst als um die „Deutsche Kunst“ geht?

Literatur:
Stefanie Riboni, Wilhelm Wulff – ein Bildhauer aus Soest, in: Wilhelm Wulff (1891-1980), hrsg. Von LWL-Museumsamt für Westfalen, Katalog zur gleichnamigen Wanderausstellung, Münster 2010, S.16-45.
Hans Jürgen Hoeck, Der Kunstring Soest 1935 -1961, eine nationalsozialistische Gründung und was daraus wurde, Soest 2013.
Hans Jürgen Hoeck, Kunstpolitik und Ausstellungspraxi im Nationalsozialismus. Zur Chronologie mit Beispielen für Westfalen, Soest 2016.
Hans Rudolf Hartung, Ein wilder Hund, der keiner war. Vom Feierabend eines Künstlers. Erinnerungen an Wilhelm Wulff, in: Wilhelm Wulff 1891-1980, hrsg. Im Auftrag der Stadt Soest von Florian Matzner, Soest 1991, S.69-72.

Wer war Erwin Sylvanus? Ein „Kunstberichter“ im NS

„So kam der Anstoß zur Abkehr von den falschen Idealen eigentlich von der Kunst und Literatur her,“ schrieb Erwin Sylvanus 1958 an den deutsch-polnischen Historiker des Holocausts Joseph Wulf. Aber es scheint auch andersherum gewesen zu sein: Der Anstoß zur Hinwendung zu den falschen Idealen kam ebenfalls von der Kunst her. Als NS-„Kunstberichter“ begann Erwin Sylvanus seine journalistische Karriere.

Die Zerstörung von Pluralismus in Staat und Gesellschaft, die der NS-Staat mit Erbitterung vorantrieb, machte vor Kunst und Kultur nicht halt. Künstler jüdischer Herkunft wurden als „Kulturbolschewisten“ verfemt, Malerei und Ästhetik der klassischen Moderne als „entartete Kunst“ und als „Verfallskunst“ diffamiert und aus den Museen entfernt.

Der bürokratische Apparat der Reichskulturkammer kontrollierte die Durchsetzung einer „Deutschen Kunst“. Diese bestand aus NS-Propagandakunst, die Partei, Krieg und Deutschtum heroisch überzeichnete und mit falschem Pathos versah. Zur „deutschen Kunst“ zählte auch die Verklärung einer deutschen „Volksgemeinschaft“, die als idealisiertes Leben auf dem Lande und Leben in der Landschaft dargestellt wurde. Die Traditionen dieser Darstellungen reichten bis ins 19. Jahrhundert zurück und trafen den zeitgenössischen Massengeschmack – populäre Kunst, die die Entwicklung in die klassische Moderne nicht vollzog. An dieses Kunstverständnis und ihre Vertreter konnte die NS-Kulturpolitik anknüpfen (Silke von Berswordt-Wallrabe, Einführung, in: Kunst und Politik im Nationalsozialismus, 2016).

Unspektakuläre Unterdrückung

Hans Jürgen Hoeck hat in seiner Studie „Der Kunstring Soest 1935 – 1961“ detailliert nachgezeichnet, wie unspektakulär, aber dennoch effizient der NS-Staat in einer westfälischen Provinzstadt an Bestehendes anknüpfen konnte. Der NS-Kunstring sicherte das wirtschaftliche Überleben der ihm angeschlossenen Soester Maler und Bildhauer. Er verschaffte ihnen Aufträge und Ausstellungsmöglichkeiten und schützte sie vor Konkurrenz. Nur sieben Künstler waren in den Kulturring aufgenommen worden. Durch Auswahl derjenigen, die sich an Ausstellungen beteiligen durften, setzen sie die NS-Kunstdoktrin einer „Deutschen Kunst“ durch. Die Zerstörung künstlerischer Freiheit war unspektakulär, fast banal. Sie wurde nicht mit Gewalt, sondern mit Einverständnis vollzogen. Andere Zerstörungen führten zu Emigration, Gefängnis oder KZ der betroffenen Künstlerinnen und Künstler.

Erwin Sylvanus als Verfechter der „Deutschen Kunst“

1938 wurde Erwin Sylvanus mit einer schweren Lungentuberkulose aus der Wehrmacht entlassen. Ab diesem Zeitpunkt versuchte der 21jährige, sich eine Existenz als Journalist aufzubauen. Seine Hauptthemen waren Kunst und Künstler aus Soest und Umgebung. Erwin Sylvanus war das Sprachrohr des NS-Kunstrings und begleitete jede einzelne seiner Aktivitäten journalistisch. Jeden seiner Artikel prägt das Bemühen, die dargestellten Künstler als Protagonisten „Deutscher Kunst“ darzustellen.

So war für ihn auch der Krieg künstlerisches Mittel: „Letzten Endes“, so schrieb Sylvanus 1940, “treffen sich hier die Maximen der Zeit mit denen der Kunst: beide erheben den Menschen aus seiner Alltäglichkeit und steigern sich gegenseitig, erläutern und fördern die völkische Substanz.“ Die Rhetorik ist heute unverständlich und entbehrt des Sinns. Vielleicht ging es Zeitgenossen ebenso? Der NS-Jargon scheint aber auch auf emotionale, fast religiöse Bedürfnisse der Überhöhung menschlicher Existenz getroffen zu sein.

„Kunstberichter“

Erwin Sylvanus war ein journalistischer Meister dieses Jargons. Die NS-Rhetorik seiner Berichterstattung begleitete die Zerstörung der künstlerischen Freiheit, die auch das kulturelle Leben in Soest prägte. Er soll hier als „Kunstberichter“ betitelt werden, denn als Kunstkritiker kann man ihn nicht ansehen. Kunstkritik war schon 1936 verboten worden. Ein logischer Schritt, denn Kritik ist nur möglich, wenn es Pluralität gibt. In der Welt von Volksgemeinschaft und Deutschtum gab es nur den „Kunstberichter“. Er wertete nicht, sondern würdigte nur das, was als Kunst staatlich verordnet war.