Friedrich Kröhnkes Blick

Wer war Erwin Sylvanus? Eine weitere Antwort auf die Frage gibt der Schriftsteller Friedrich Kröhnke. In der Novelle „Die Weise von Liebe und Tod“* portraitiert er den alternden, erblindenden Sylvanus als Erich Fabrizius. Der sucht einen jungen Sekretär und Reisebegleiter. Der junge Schriftsteller Conny Kleymann alias Friedrich Kröhnke möchte den Job. Er „hat vom brotlosen Leben genug, von den unregelmäßigen Honoraren, vom Zähneputzen über der Spüle.“ Können da zwei zueinanderkommen, um einander Hilfe zu sein?
Um es kurz zu machen: Die beiden kommen nicht zueinander. Nach zwei Nächten im verwahrlosten Haus des alten Sylvanus, nach zwei gemeinsam verbrachten Tagen fährt Conny Kleymann wieder, und er weiß, dass Sylvanus ihn nicht anrufen wird, dass sein Traum eines finanziell unbeschwerten Lebens an der Seite des alten Mannes nicht Wirklichkeit werden wird. Dabei haben sie einige Gemeinsamkeiten: die Schriftstellerei, das Schwärmen für August von Platen und Rimbaud, ihre Homosexualität – von dem Jungen ausgelebt, von dem Alten nur „rezitiert“, weil das Bündische es anders nicht erlaubte – der Alkohol, die Drogen, die Ablehnung des Bürgerlichen.
Warum gelingt das Zusammenkommen nicht? Es sind Verachtung und Ekel. Kleymann verachtet Fabrizius. Er verachtet den alten Mann für sein Alter, seine Vergesslichkeit, seine immergleichen Monologe über Aids und Augenkrankheit, für den Dreck in seinem Haus. Auch für seine Karriere als Schriftsteller: „Korczak und die Kinder“ – ein pathetisches Stück, schnell hingeschrieben, schlecht recherchiert. Er findet nichts, was er an Fabrizius schätzt. „Was Kleymann nicht merkte: dass der Ekel wechselseitig war.“

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