Christoph Meckels Blick

Wer war Erwin Sylvanus? Das fragte 1997 der Schriftsteller Christoph Meckel in einem Essay über den Dramatiker. Meckel beantwortete die Frage als Freund des 1985 Verstorbenen. Er erinnert an ihn und hat vor allem die Jahre vor seinem Tod im Blick. Er zeigt die Zeitgebundenheit seines schriftstellerischen Schaffens. Und gleichzeitig weist er auf die Zeitungebundenheit des „linken Candide“.
Es sind nur zweieinhalb Seiten in der neueren deutschen literatur 5/1997. Aber der Text ist Poesie. Christoph Meckel entwirft ein Bild von Erwin Sylvanus, der das Handeln zu seiner Devise gemacht habe. Sei es in der Freundschaft – sei es im Politischen. Erwin Sylvanus fuhr regelmäßig nach Prag, schmuggelte Literatur und Papiere, unterstützte den Widerstand. Er fuhr nach Chile in den Zeiten der Junta. Es muss in den 80er Jahren gewesen sein. Er fuhr als Tourist. Aber das war nur Tarnung. Bei einer Verfolgung hatte er einen schweren Autounfall. Er kam als kranker Mann zurück nach Deutschland und starb wenig später.
Christoph Meckel nennt Sylvanus einen „linken Candide“. Der Candide des Philosophen Voltaire stammt wie Erwin Sylvanus aus Westfalen. Er kommt viel in der Welt herum. Immer wieder passieren ihm schreckliche Dinge, Gewalt und Katastrophen auf allen Erdteilen. Er muss erkennen, dass der Mensch schlecht ist. Widerstand des einzelnen gegen die Macht – das sei auch das Motiv von Erwin Sylvanus gewesen, schreibt Meckel.
Der Zweite Weltkrieg habe ihn zum Moralisten gemacht: „Eine Zeit lang war das explosiv, notwendig in Lebensgefühl und Literatur. In den achtziger Jahren ging die Zeit vorbei. Die Literatur ist keine moralische Anstalt (der Moralist zeigt immer dieselbe Schwäche, er predigt zu viel, ermüdet die Leute, und wird, weil er recht hat, von Beifall erstickt). Die Literatur ist ein offener Basar, und immer etwas ganz anderes als behauptet, sie sprengt aus eigener Kraft jedes Etikett. Sylvanus gehört nicht in die Zeit, und das Menschenmögliche hat keine Saison, im Jahr zweitausend ein ehrenwertes Relikt – aber ich teile diese Ansicht nicht. Wer ist Sylvanus?“

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